Nach dem stürmischen Herbst in der Ökumene ist Christine Gleixner zuversichtlich. „Die Bereitschaft ist groß, offen die Probleme auf den Tisch zu legen“, sagt die Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich.
Das Jahr 2000 zu beurteilen, dafür wünscht sich Christine Gleixner noch mehr Abstand. Denn vier Monate sind erst vergangen, seitdem die vatikanischen Schreiben „Dominus Iesus“ und die Geheimnote zum Begriff der Schwesterkirchen wie eine Kaltluftfront in das ökumenische Klima hereingebrochen sind.
Verstärkt wurden die Turbulenzen durch die Haltung des Salzburger Erzbischofs Georg Eder zum Trauergottesdienst für die Opfer von Kaprun am 17. November. „Diese Turbulenzen will ich gar nicht wegschieben“, meint Christine Gleixner. Die Ordensfrau ist die Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ). Und Gleixner ergänzt: „Aber wir dürfen auch nicht übersehen, wie intensiv sich seither alle Seiten bemühen, die Differenzen ehrlich auf den Tisch zu legen.“ Doch das ist nicht nur der Eindruck der römischen Katholikin. Auch ihr Stellvertreter, der evangelische Bischof Herwig Sturm, meint über das abgelaufene ÖRKÖ-Arbeitsjahr: „Wir haben mit viel Freude und mit viel Erfolg zusammengearbeitet.“
Vertrauensbonus
Hintergrund für das nach wie vor gute Gesprächsklima in Österreich ist für Christine Gleixner die Arbeit an der Ökumenecharta (mahr dazu im rechten Kasten). Alle 14 Kirchen haben untereinander ihre Beiträge dazu ausgetauscht, jede Kirche kennt die Antworten der anderen. Zwar hat die römisch-katholische Bischofskonferenz auch in einem umfangreichen Papier offene Fragen angesprochen, doch noch vor Veröffentlichung von „Dominus Iesus“. Für Gleixner bringt das rückblickend einen Vertrauensbonus. Mehrfach war deshalb schon zu hören: „Wir wissen, wie ihr darüber denkt und welche Sprache ihr verwendet.“Die Antworten zur Charta der Ökumene beinhalten für Christine Gleixner auch eine Überraschung: „In sehr vielen Punkten, die die einzelnen Kirchen angemeldet haben, besteht ein hoher Grad an Übereinstimmung.“
Weltweit einzigartig
Dass in den vergangenen Wochen besonders in der römisch-katholischen Kirche wieder verstärkt das Thema Ökumene diskutiert wird, beurteilt Christine Gleixner vorsichtig positiv: „Haben vielleicht die vergangenen Turbulenzen wachgerüttelt?“ Weniger wachgerüttelt als vielmehr gedämpft haben die Turbulenzen jedoch das Klima für das „Projekt Sozialwort“ (linke Seite). Weltweit einzigarig ist das ÖRKO-Projekt, bei dem Kirchen des Ostens und des Westens gemeinsam über ihr soziales Engagement nachdenken. So haben sich beispielsweise alle orthodoxen Gemeinden in Österreich bereits beteiligt. Doch nun wurde die Einsendefrist bis Ende Februar verlängert. Vor allem, weil von römisch-katholischer Seite noch nicht allzu viele Erhebungsbögen eingelangt sind.
Stichwort:
Ökumenecharta
Sie gilt als „eine der bedeutendsten ökumenischen Entwicklungen“: die „Charta oecumenica für Europa“. Mit diesen Worten haben der Prager Kardinal Miloslav Vlk und Metropolit Jérémie Caligiorgis 1999 die Erstfassung vorgestellt. Ziel ist es, „eine ökumenische Kultur des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit zu pflegen und dafür eine verbindliche Grundlage zu schaffen“. Seither wurde das vom römisch-katholischen Rat der Bischofskonferenzen in Europa (CCEE) und der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) in 20 Sprachen vorgelegte Papier mehrfach überarbeitet. Die Charta wird eine Reihe von (Selbst-)Verpflichtungen enthalten, um den Prozess der Versöhnung, des gegenseitigen Kennenlernens und Vertrauens zwischen den Kirchen wieder zu beleben. Der Wunsch nach einer derartigen Grundlage geht auf die Europäische Ökumenische Versammlung 1997 in Graz zurück. Ursprünglich hätte im Jänner 2001 ein endgültiger Text vorgelegt werden sollen. Auch die Unterzeichnung der Charta beim Treffen der Kirchen in der Osterwoche in Straßburg durch die Präsidenten von CCEE und KEK, Vlk und Caligiorgis, wird verschoben. Nun soll bis Mitte April wenigstens die Charta vorliegen.
Ökumenekalender für 2001:
18. bis 25. Jänner
Die Gebetswoche um die Einheit der Christen steht unter dem Motto: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Die Vorbereitungen zu dieser Initiative kommen von der rumänisch-orthodoxen Kirche.
2. März
Der Weltgebetstag der Frauen stellt heuer Samoa in den Mittelpunkt. Der von Frauen des pazifischen Inselstaates vorbereitete Gottesdienst trägt den Titel: „Informiert beten – betend handeln“. Info: Weltgebetstagsbüro, Blumengasse 4/6, 1180 Wien, Tel. 01/406 78 70
15. April
Das Fest der Auferstehung wird im ersten Jahr des dritten Jahrtausends entsprechend begangen: alle Christen feiern gleichzeitig. Erstmals seit 1990 kommen die Berechnungen der Kirchen des Ostens (julianischer Kalender) und des Westens (gregorianischer Kalender) zum selben Termin. Der Ökumenische Rat der Kirchen lädt ein, dieses seltene Ereignis besonders zu feiern.
17. bis 22. April
Im Zeichen des neuen Millenniums steht die Europäische Ökumenische Begegnung, die im französischen Straßburg stattfindet.
Anfang September
Das „Projekt Sozialwort“ der Kirchen in Österreich geht in die zweite Phase: der Sozialbericht soll breit diskutiert werden.
28. und 29. September
Zum zweiten Mal lädt Innsbruck zum „ökumenischen Tag der Kirchen“ ein. „Geht hin“ heißt die Begegnung von Christen/-innen aus Österreich, Südtirol und Süddeutschland. Im Mittelpunkt stehen Themen und Inhalte des Sozialwortes.
Infos: Dr. Silvia Hell, Abteilung Ökumene, Karl-Rahner-Platz 1, 6020 Innsbruck, Tel. 05 12/507/85 65 oder www.kirchentag.at