Im steirischen Kindberg ist die Ökumene ein kräftiger Baum geworden
Ausgabe: 2001/03, Sozialwort, Kindberg,
17.01.2001
- Hans Baumgartner
Am 17. September haben die Kirchen Österreichs das Projekt Sozialwort gestartet. Sie laden Gruppen, Einrichtungen und Initiativen ein, von ihrer sozialen Praxis zu berichten, von den Problemen, die sie sehen, von Forderungen an Kirche und Gesellschaft. Dazu gibt es einen Fragebogen. Der Einsendeschluss ist Ende Februar! Bis Herbst wird auf der Basis der Einsendungen ein Sozialbericht erarbeitet. Nach einer breiten Diskussion des Berichts soll als dritter Schritt das Sozialwort der Kirchen verfasst werden.
Machen Sie mit. Fragebögen gibt es bei der „Kirche“, Wilhelm-Greil-Str. 7, 6020 Innsbruck.
Was haben Flaschenmilch und Protestantenvertreibung, NS-Opfer und Entwicklungshilfe miteinander zu tun? Die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft Kindberg befasste sich damit.
„Wenn wir heute bei einem öffentlichen Anlass nicht gemeinsam auftreten, dann fragen uns die Leute, was los ist“, sagt Günter Janz. In Kindberg im steirischen Mürztal sind es die Menschen gewohnt, dass sich die katholische und die evangelische Pfarrgemeine im „Doppelpack“ präsentieren. Das war nicht immer so.
Zusammen gewachsen
Der „konziliare Prozess“ zur ersten „Europäischen Ökumenischen Versammlung“ (Basel 1989) brachte Bewegung in die Kindberger Konfessionsbeziehungen. „Wir fragten uns im Pfarrgemeinderat, was der Aufruf der Kirchen, an jedem Ort gemeinsam für Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzutreten, für uns bedeutet. Ähnliche Überlegungen gab es in der evangelischen Gemeinevertretung. Und so kam es 1988 zur Gründung der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Kindberg. Wir verstehen uns nicht als privater ökumenischer ,Hobbyverein‘, sondern als eine von den beiden Pfarren eingerichtete und mit jeweils drei gewählten Vertretern/innen beschickte Arbeitsgruppe. Diese verbindliche Zusammenarbeit hat sich sehr bewährt“, betont Günter Janz. „Wir haben nicht nur zahlreiche Bildungsveranstaltungen und Aktionen miteinander durchgeführt, wir sind uns auch als Gemeinden, als Christen und als Menschen im Laufe der Jahre immer näher gekommen.“
Am meisten freut Günter Janz, dass die Ökumene nicht nur dem Pfarrgemeinderat und der evangelischen Gemeindevertretung in Fleisch und Blut übergegangen ist. „Inzwischen erwarten viele Menschen von uns, dass wir uns gemeinsam um soziale und seelsorgliche Aufgaben kümmern. So etwa wird dankbar angenommen, dass wir das Totengedächtnis am Allerheiligentag, der für die Evangelischen eigentlich kein Feiertag ist, miteinander begehen. Wenn wir gemeinsam den Angehörigen Trost zusprechen und die Auferstehung verkünden, so machen wir für viele Menschen den Kern der Botschaft Christi deutlicher“, ist Janz überzeugt.
Versöhnungsschritte
Mehr als 50 Veranstaltungen und Aktionen hat die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft Kinberg in den vergangenen zwölf Jahren durchgeführt. Vom Aufruf zum Kauf von Flaschenmilch und einer Unterschriftenaktion zur Erhaltung des Frischfleischverkaufes in der Billa-Filiale bis zu Vorträgen über Umweltschutz, ökologische Landwirtschaft, Schuldenkrise der Dritten Welt, Drogenproblematik, Ausländerfrage, EU-Osterweiterung, Gentechnik und Lebensschutz.
Weil das Personal im Altenheim zu wenig Zeit für Pflege und menschliche Zuwendung hatte, wurde ein zusätzlicher Dienstposten gefordert, zwischenfinanziert und schließlich durchgesetzt. Zwischen 1993 und 1998 hat eine Selbstbesteuerungsgruppe den Aufbau einer ökologischen Landwirtschaftsschule in Brasilien unterstützt. Seit zwei Jahren erhalten Schulen, Weisenhäuser und ein Heim für straffällige Jugendliche in der Ukraine Hilfe. Seit 1993 gibt es regelmäßige Gespräche mit der Gewerkschaft. Es gibt ökumenische Familienwanderungen, Bibelrunden, Gebetsstunden und Gottesdienste.
Besonders engagiert hat sich die Arbeitsgemeinschaft für die Versöhnung mit der Geschichte. Gegen manche Widerstände wurde am Pfarrhaus gegenüber dem Kriegerdenkmal eine Gedenktafel für zwölf Nazi-Opfer aus Kindberg angebracht. Bei einer ökumenischen Gedenkfahrt wurde in Hartheim der 144 Opfer der Nazi-Euthanasie aus der „Siechenanstalt“ Kindheim gedacht und eine Tafel enthüllt. In einer bewegenden Versöhnungsfeier wurde die Protestantenvertreibung und der Konfessionsstreit um die Georgiberg-Kirche in Kindberg „aufgearbeitet“.