Jozef Niewiadomski: Meine Vision des neuen Jahrtausends
Ausgabe: 2001/04, Cyberspace, Niewiadomski
23.01.2001
- Jozef Niewiadomski
So paradox es klingen mag: Im Internetzeitalter könnte sich gerade der Katholizismus als die leibfreundlichste Form der Religiosität erweisen.
Sie haben einen Traum, die Visionäre des digitalen Zeitalters. Es ist die Rede von der Menschheit, die durch Digitalkraft zur Harmonie findet. Die Vision einer – dank Internet – perfekt funktionierenden basisdemokratischen Mitbestimmung stellt bloß den Anfang dar. Cybersex-Phantasien deuten die Umrisse der Zukunft schon deutlicher an. Die Hoffnung auf die Befreiung von risikoreicher Leiblichkeit in der zwischenmenschlichen Begegnung scheint jene Schwalbe zu sein, die ein neues leibfeindliches Jahrhundert ankündigt. Das Jahrhundert des gentechnisch programmierten menschlichen Materials und der erhofften digitalen Sicherheitskopien von uns selber. Die naturwissenschaftlich untermauerte und technisch herstellbare Vision der Unsterblichkeit zeigt schon jetzt die Grenzen extremster Utopien an. Der Mensch wird sich selber neu schaffen! Was für viele ein Traum ist, wird zum Albtraum von der Selbstabschaffung der Menschheit. Im Grunde braucht uns die Zukunft nicht – mindestens nicht so, wie wir sind! Sollen wir deshalb jegliches utopische Denken verteufeln?
Glaube und Utopie
Thomas Morus, der Vater unserer abendländischen Utopien, war ein tiefgläubiger Katholik. Utopisches Denken verbunden mit einem bodenständigen Glauben an die Erlösung der Menschen durch Gott machte aus ihm einen Staatsmann ersten Ranges: mit sittlichem Ernst, aber auch mit der nötigen Gelassenheit. Die Loslösung des utopischen Denkens von dem – dieses Denken tragenden – Glauben in der Neuzeit brachte eine Verkrampfung mit sich! Die Heilsutopien wurden zum Programm, das verwirklicht werden musste. So endeten sie in der Barbarei!
Kirche im Internet
Ich träume, wie die biblisch-christlichen Hoffnungen und der kirchliche Glaube jene in die Technik verliebten Erwartungen an das neue Jahrtausend zähmen. Natürlich geht es dabei zuerst um die Präsenz der Kirche im Cyberspace. Auf dieser Agora der Zukunft soll sie ja das befreiende göttliche Handeln zur Sprache bringen. Ich träume von neuen Formen der Internetgottesdienste und der Intensivierung der Internetseelsorge. Beim Gedanken an eine virtuelle Eucharistiefeier fällt mir allerdings die Vision vom Cybersex ein. So wache ich auf! Geht das wirklich? War nicht die Antwort Gottes auf die schon damals greifbaren leibfeindlichen Tendenzen in Kultur und Religion seine Menschwerdung?
Qualitätsmerkmal
Den Leib zu retten aus dem Cyberspace, das wird das große spirituelle Programm christlicher Kirchen im 21. Jahrhundert sein. Und so paradox es klingen mag: Gerade der Katholizismus könnte sich als leibfreundlichste Form der Religiosität in der Epoche des Cyberspace erweisen. Und zwar wegen des Glaubens an die Menschwerdung Gottes und noch mehr wegen seiner Struktur, die in den Sakramenten greifbar wird. Jener Aspekt, der heute Jugendlichen als unmodern erscheint, wird in Zukunft zum Qualitätsausweis. Konkrete Leiblichkeit, festgelegt durch Alter, Gesundheit und Krankheit, bleibt ja unerlässliche Voraussetzung sakramentalen Geschehens. Berührungen und Salbungen, miteinander essen und trinken und auch schlafen sind nicht nur äußere Bedingungen der Sakramente. Wenn der von Krankheit zerfressene menschliche Leib, den alle nur noch mit Handschuhen angreifen, in der Krankensalbung durch die „ungeschützte“ Hand des Priesters berührt wird, so umarmt diesen Körper der auferweckte Christus selbst, und dies mit seinem verklärten Leib. Also being catholic versus being digital!
Verwandelnde Kraft
Die schwierigste Schwelle des Traumes bildet allerdings das katholische Selbstvertrauen in die verwandelnde Kraft jeder konkreten Eucharistiefeier vor Ort. Ich träume von der weltweiten, multikulturell verwurzelten Organisation mit globaler Infrastruktur, mit einem konkreten Menschen – dem Papst – als Repräsentanten, der verbindlich in ihrem Namen zu sprechen vermag. Mit Menschen, die tagtäglich göttliche Präsenz im Kontext der alltäglichsten leib-seelischen Erlebnisse erfahren. Sie wäre doch weiterhin das weltweit wichtigste Sozialgebilde, das sich den Gesetzen einer neuen Cyberreligiosität nicht nur unterwirft, sondern diese auch verwandelt. Es ist wie bei Thomas Morus: Weil ich die Zukunft von Gott erwarte, werde ich gelassener dem Albtraum und den Träumen gegenüber.