Die „Entwarnung“ nach einem BSE-Verdacht in Tirol war gerade gegeben, da traf Österreichs Bauern ein neuerlicher Schlag: Durch Schwarzhandel mit illegalen Medikamenten für die Schweinemast kommen Bauern zusätzlich unter Druck. Die Vergehen weniger müssen viele ausbaden. Was nützt es, dass die Statistik belegt: Das Risiko, auf dem Weg zu einem Einkauf zu verunglücken, ist größer als die Gefahr einer Erkrankung durch den Konsum von Fleisch? Bauern bleiben auf ihren Produkten sitzen. Viele von ihnen fühlen sich zusätzlich durch die Futtermittelindustrie verunsichert: „Wir wissen ja nicht, was alles drinnen ist.“Das Bildungshaus Schloss Puchberg lädt im Rahmen der heurigen Bauerntage am 29. und 30. Jänner zur gegenseitigen Ermutigung ein. Damit eine Chance zur Wende besteht, braucht es auch die Unterstützung durch die Konsumenten. Nahrung darf nicht Spekulationsgut sein.
Noch einmal gut gegangen. So könnte man den BSE-Alarm aus dem Außerfern sehen. Denn eines ist deutlich geworden: Österreich ist keine Insel der Seligen – auch nicht beim Rinderwahn. Ein Gespräch mit Sepp Rottenaicher, Umweltbeauftragter der Diözese Passau.
Noch ist Österreich BSE-frei. Aber der Verdachtsfall aus dem Außerfern hat gezeigt, so sicher ist die Lage wohl nicht. Wie sehen Sie die Situation? Rottenaicher: Wir wissen immer noch sehr wenig, wie diese Erkrankung bei Rindern entsteht und wie sie übertragen wird. Auf Grund der befürchteten Auswirkungen auf Tier und Mensch müssen wir aber alles tun, um die Forschung voranzutreiben und die Ausbreitungsgefahr möglichst einzugrenzen. Hier wurde einiges verbockt! Es dauerte viel zu lange, bis die EU-Länder den Vorschlägen der Kommission – Tiermehlverfütterungsverbot, Entfernung von Risikomaterial (Hirn, Knochenmark u. a.) bei allen geschlachteten Rindern, flächendeckende BSE-Tests – zugestimmt und diese auch umgesetzt haben. Ich verstehe die harten Vorwürfe von EU-Verbraucherschutzkommissar David Byrne gegenüber Deutschland sehr gut. Viele Regierungen haben unter dem Druck starker Lobbys wirtschaftlichen Einzelinteressen mehr Gewicht gegeben als dem Gemeinwohl. Nun rächt sich das bitter, auch wirtschaftlich!
Angst und „Sicherheit“
Was sind die Konsequenzen? Rottenaicher: Ich hoffe, dass spätestens jetzt allen ein Licht aufgegangen ist: Durch die engen wirtschaftlichen Verflechtungen in der EU ist es fahrlässig, von „BSE-sicheren“ Gebieten auszugehen, wie das Bayern tat. Alle Länder müssen anhaltend und streng kontrollieren – und sie müssen Vergehen scharf ahnden. Gleichzeitig plädiere ich für eine Versachlichung der Diskussion. Das Risiko, dass jemand durch Rauchen, durch Alkohol, durch einen Verkehrsunfall etc. ums Leben kommt, ist ungleich höher, als an den Folgen von BSE zu sterben. Man soll aber auch ehrlich sagen: Es gibt keine absolute Sicherheit. Diese zweifache Botschaft wird aber nur dann ankommen, wenn die Leute das Gefühl haben, ihre Sorgen werden ernst genommen, und gleichzeitig begreifen, auch ihre Verantwortung ist gefordert. Insoferne sehe ich in der BSE-Krise sogar eine Chance: für eine Neuorientierung der Landwirtschaft und für ein bewussteres Verhalten der Konsumenten, die ihre Lebensmittel nicht länger nur nach dem Preisschild kaufen.
Keine Schraubenfabrik
Wenn Sie von einer Chance für die Landwirtschaft sprechen: Was meinen Sie damit? Rottenaicher: Seit Jahren gehe ich mit der Botschaft hausieren, der Landwirt ist mehr als ein Rohstofflieferant für die Nahrungsmittelindustrie. Er hat täglich mit Leben zu tun – mit seinem Boden, den Pflanzen und Tieren. Diesem Lebensbezug wird eine Landwirtschaftspolitik, die, wie eine Schraubenfabrik, vor allem darauf setzt, möglichst kostengünstig möglichst viel zu produzieren, nicht gerecht. Wir brauchen eine Änderung: weg von der Förderung von Höchsterträgen hin zu einem Anreizsystem für eine möglichst naturnahe Landbewirtschaftung und Tierhaltung. Qualität der Produkte und Nachhaltigkeit des Wirtschaftens sind Kernstücke jener ökosozialen Landwirtschaft, wie sie Österreich seit Josef Riegler wenigstens schrittweise umzusetzen versucht. Bei uns war dieses Modell bei den Spitzen der Bauernverbände und in der Politik lange verpönt. Ich merke, dass unsere kritischen Anfragen und Vorschläge seit der BSE-Krise auf sehr viel mehr Aufmerksamkeit stoßen. Ich nenne einige Beispiele, die zeigen, dass ein Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit geboten ist: Es ist keine ökonomische (wirtschaftliche) Nachhaltigkeit, wenn in Bayern jährlich 5000 und mehr bäuerliche Betriebe zusperren; es ist keine ökologische Nachhaltigkeit, wenn man in ganzen Regionen (z. B. Holland) keine Brunnen mehr bohren kann, weil das Wasser durch die Abfälle einer nicht flächengebundenen Massentierhaltung total verseucht ist; es ist sozial nicht nachhaltig, wenn immer weniger Bauernkinder bereit sind, die Höfe zu übernehmen oder jeder fünfte Bauer in Bayern keine Bäuerin mehr findet …
Grund zur Hoffnung
Das ist alles einsichtig. Aber ist die Hoffnung auf Änderung nicht eine „fromme“ Utopie? Rottenaicher: Der Glaube an die Veränderbarkeit der Welt gehört für mich zum christlichen Engagement. Aber ich denke, dass es durchaus berechtigte Hoffnung gibt. In der EU machen Franz Fischler und sein Team in Kooperation mit den Kommissaren für Verbraucher- und Umweltschutz Druck für Veränderungen. Schon jetzt bietet die EU viel mehr Anreize in Richtung umweltnahe Landwirtschaft als Deutschland (anders als Österreich) nutzt (Flächenprämien statt Massenprämien, Zuschläge für Umweltpflege etc.). Innerhalb einer Reihe von Mitgliedsländern, aber auch bei manchen Beitrittskandidaten wächst die Skepsis gegen die ,industrielle‘ Landwirtschaft. Die Allianzen zwischen Verbrauchern, Natur-und Tierschützern und zukunftsfähigen Bauern gewinnen an Größe und Kraft. Ebenso gibt es wachsenden Druck innerhalb und außerhalb der EU, die Exportförderungen für Überschussprodukte weitgehend abzubauen. Auch ohne BSE ist die Zeit reif für neue Wege.
Josef Rottenaicher (53), Vater von vier Kindern, ist seit 1986 Umweltbeauftragter der Diözese Passau. Er war in der Katholischen Landjugendbewegung, in der Kommunalpolitik und als Bauernvertreter tätig. 1977 übernahm er den elterlichen Hof und baute ihn zu einem Biobetrieb um. Er arbeitet u. a. im Ökosozialem Forum mit, in dem sich Wissenschafter, Politiker und Kirchenleute aus Österreich (Josef Riegler, Sixtus Lanner, Prof. Wohlmaier), Deutschland und der Schweiz treffen.