Für die befreundeten Nachbarn kam es wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Das Ehepaar vis-a-vis hat sich getrennt.
Ratlosigkeit und Unsicherheit machen sich breit. Soll man das Thema ansprechen oder so tun, als ob man nichts wüsste? Wie viel Recht hat jeder auf Intimsphäre und Privatheit? Durch die steigende Scheidungszahl stellen sich solche Fragen immer öfter. Das Extrem von prominenten Paaren in Beziehungskrisen und der von den Medien aufgegriffenen Schlammschlachten ist hinlänglich bekannt. Für Karin Remsing, die leitende Familienberaterin der Diözese Linz, ist ein menschlicher Umgang mit dem Schicksal anderer eine Gratwanderung zwischen Anteilnahme, Zurückhaltung und Neugierde. Was die Betroffenen am wenigsten brauchen, ist offene Neugier oder Tratsch, der die Gerüchteküche anheizt.
Die Türe offen lassen
Sie haben es im Moment schwer genug mit der neuen Situation und mit der notwendigen Trauerarbeit. Die meisten möchten sich am liebsten verkriechen, andererseits hörte Karin Remsing auch in der Beratung schon die Klage: „Schlimm ist, dass einen niemand drauf anredet.“ Dabei sind die Mitmenschen nur unsicher, ob und wie sie das Thema ansprechen sollen. Die Beraterin unterscheidet zwischen Interesse und Neugierde. Das Gegenüber spürt sehr genau, ob jemand von seinem Schicksal wirklich berührt ist und ehrliche Bereitschaft zu Anteilnahme und Hilfe zeigt. Was die Betroffenen brauchen: menschliche Wärme, ein offenes Ohr, ohne sich zu viele Bilder zu machen, keine Verurteilung, keine Vorurteile ... Ihr Ratschlag: Man könnte das Thema behutsam ansprechen mit Sätzen wie: Mir fällt auf ... Wie geht es Ihnen? ... Und: Man muss es respektieren, wenn der andere nicht darüber reden will, es aushalten, eine Abfuhr erteilt zu bekommen. Man könnte anbieten: „Wenn Sie was brauchen, bei uns ist die Tür offen!“ Und es dann zunächst dabei belassen. Auch die Adresse einer Beratungs- oder Mediationsstelle kann hilfreich sein. Aus der Praxis weiß die Beraterin: Besonders Männer spielen die Starken. Sie haben sehr oft auch keinen Freund zum Ausreden, verdrängen allzu gern, haben aber arge Versagensgefühle. Der oft gewählte schnelle Weg in eine neue Beziehung, ohne die eigene Geschichte aufzuarbeiten, ist der falsche.
Es wird immer üblicher nach amerikanischem Muster auf Kosten anderer zu leben, sozusagen „Leben aus der Konserve“ zu konsumieren, und damit vom eigenen Leben abzulenken. Big Brother und Taxi Orange sind ein Ausdruck dafür. Karin Remsing, Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberaterin