„Land der Menschen“ bringt In- und Ausländer an einen Tisch
Ausgabe: 2001/05, Land der Menschen
30.01.2001
- Hans Baumgartner
„Durchs Reden kommen die Leut z’samm.“ Das ist das Leitmotiv und die Erfahrung von „Land der Menschen“.
Nach den letzten Nationalratswahlen, die besonders in Wien mit agressiven Anti-Ausländer-Parolen geführt wurden, tat sich eine – zunächst kleine – Gruppe engagierter Menschen zusammen. Sie wollten nicht nur auf der politischen und medialen Ebene für mehr Verständnis zwischen In- und Ausländern arbeiten, sondern auch die „Hoheit über die Stammtische“ erobern, wie es Helmut Schüller ausdrückte. Vor zehn Monaten konnte die Initiative „Land der Menschen“ österreichweit starten.
„Unser Anliegen ist es, dass sich nicht nur ein Kreis ohnedies engagierter Menschen für Integration und ein gedeihliches Zusammenleben von Inländern und Migranten einsetzt. Wir wollen, dass sich die Atmosphäre im Land verändert. Und dazu ist es nötig, dass sich möglichst viele Menschen mit diesen Fragen auseinander setzen“, sagt Ursula Struppe vom Gründungsteam. „Wir hatten dafür gute Startbedingungen: es entwickelte sich eine breite Zusammenarbeit von Leuten aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen – von den Gewerkschaften und Unternehmern bis zu den Kirchen, Religionsgemeinschaften und Menschenrechtsorganisationen – und es gibt ein wachsendes Interesse bei Gruppen von Migranten, etwa bei den Muslimen, in ihren Reihen auf eine größere Öffnung gegenüber den Menschen und der Kultur in Österreich hinzuwirken.“
Ins Gespräch kommen
Eines der zentralen Projekte von „Land der Menschen“ ist es, dass die Leute vor Ort ins Gespräch kommen – in Betriebskantinen und Frauentreffs, in Schulen und bei Seniorenclubs, in Gemeinden, Wohnblocks und Stadtvierteln – und offen sagen, was sie über Ausländer denken, wie es ihnen mit Zuwanderern geht bzw. wie Migranten die österreichischen Arbeitskollegen, Nachbarn oder Straßenpassanten erleben. „Es hat in den vergangenen Monaten viele Diskussionen und Veranstaltungen gegeben, wo Österreicher untereinander oder auch mit Ausländer/-innen über diese Themen gesprochen haben. Aber ich gestehe, ich habe es mir leichter vorgestellt, Leute zu motivieren, so ein Treffen selber zu organisieren. Viele finden das Anliegen wichtig, aber sie fühlen sich persönlich nicht betroffen. Andere wollen ,sehr gerne‘ einen Vortrag über ,korrektes‘ Verhalten und Denken gegenüber Ausländern veranstalten und sind dann ganz enttäuscht, wenn ich ihnen sage, dass es viel wirkungsvoller ist, die Leute miteinander ins Gespräch zu bringen – und zwar ohne ,moralisierenden‘ Zeigefinger. Oder: Da sagen uns alte Menschen immer wieder, sie hätten Angst vor Afrikanern. Also haben wir Afrikaner, wirklich tolle Leute, gewonnen, in Seniorenrunden oder Altenheime zu gehen. Auf unsere Briefe an die Pfarren oder Altenheime kamen kaum Reaktionen. Dabei“, so Ursula Struppe, „habe ich wiederholt erlebt, wie unglaublich spannend und auch befreiend solche Gespräche sein können. Und sie kosten nichts, nur den Mut, es zu wagen.“
Zur Sache
Inländer und Zuwanderer
Die Initiative „Land der Menschen“ hat in den vergangenen zehn Monaten in zahlreichen Straßendiskussionen, Veranstaltungen und Gesprächen aufschlussreiche Erfahrungen über das Zusammenleben von Einheimischen und Zuwanderern gesammelt. Diese bestätigen die Erkenntnis von Untersuchungen: Ausländer werden dort am stärksten abgelehnt, wo am wenigsten persönliche Begegnungen stattgefunden haben, sagt die Journalistin und Mitinitiatorin Barbara Coudenhove-Kalergi. Die Leute schimpfen gern „im Allgemeinen“ über Ausländer; wo es um Zuwanderer in ihrem Haus, in ihrem Betrieb geht, dann seien die meist „eh o. k.“. Ältere Menschen seien ablehender als jüngere. Kinder kommen meist gut miteinander aus. Oft treffe man auf die – irrige – Vorstellung, Ausländer hätten Privilegien.Bei echten Schwierigkeiten von Einheimischen mit Zuwanderern überwiegen das Sprachproblem (man kann nicht mit ihnen reden), das Lärmproblem (Kinder spielen noch nachts auf der Straße) und die Entfremdung im eigenen Grätzel (im Park sind nur noch Ausländer/-innen). Zuwanderer klagen vor allem, dass sie Bürger zweiter Klasse sind (Arbeitsmarkt, bei der Mitbestimmung, jahrelange Trennung von der Familie), über feindselige Blicke und Bemerkungen („Negersau“), über Respektlosigkeit und Kälte. Am schwersten haben es Schwarzafrikaner und muslimische Frauen. „Land der Menschen“ hat gute Erfahrungen gemacht, wenn Zuwanderer und Einheimische direkt ins Ge-spräch kommen. Angehörige der Zweiten Generation erwiesen sich dabei als gute Vermittler. Informationen halfen, Brücken zu bauen, auch bei Skeptikern.
Recht auf Arbeit und Familie
Am vergangenen Freitag legten Vertreter der Sozialpartner und der Initiative „Land der Menschen“ ihre gemeinsamen Forderungen zur Ausländerpolitik vor. Sie traten dafür ein, dass jeder Zuwanderer, der legal in Österreich lebt, auch legal hier arbeiten darf. Sie forderten, dass die Familienzusammenführung (Nachzug von Frauen und Kindern) außerhalb der beschränkten Zuwanderungsquote möglich wird. Außerdem sollen Ausländer/-innen bei bei Interessenvertretungen das passive und bei Kommunalwahlen das aktive Wahlrecht erhalten.