Andrea Geiger: Meine Vision des neuen Jahrtausends
Ausgabe: 2001/05, Geiger
30.01.2001
- Andrea Geiger
Es heißt, sie sind lethargisch, bequem und interessieren sich für nichts – außer für sich selbst. Das kommt daher, dass Jugendliche niemanden haben, wer mit ihnen träumt.
Katharina (17) wird ihre Lehre als Raumausstatterin noch dieses Jahr abschließen. Ob sie glücklich damit ist, weiß sie nicht. Sie ist froh, dass sie eine Lehrstelle hat. Wenn sie darüber nachdenkt, wäre sie lieber Frisörin geworden, aber da war keine Lehrstelle frei. Hannes (20) studiert im dritten Semester Jus. Eigentlich hätte er gerne Deutsch und Geschichte studiert. Aber davon haben ihm die Berufsberater in der Schule und seine Eltern abgeraten. Damit hätte er nämlich keine Zukunft. Jus hingegen ist eine gute Grundlage, mit der er einmal fast alles machen kann. Wo sind sie, die Traumberufe und die Traumkarrieren? Oder ist träumen nur im „Privatleben“ gestattet: von glücklichen Partnerschaften und noch glücklicheren Familien. Katharina und Hannes haben es ihre Eltern gezeigt. Als „Scheidungswaisen“ leben sie in sogenannten „Patchworkfamilien“. Diese Träume vom Glück scheinen ausgeträumt. „Du träumst ja!“ und „Du TräumerIn!“ sind heute eher abfällige Bemerkungen als dass sie jemanden positiv auszeichnen. Und ich merke wie schwer es mir fällt, zu meinen Träumen zu stehen. Denn es wäre nicht ehrlich zu sagen, ich hätte keine Träume.
Samuel kapiert nichts
Eine Geschichte aus dem ersten Buch Samuel (1 Sam 1–21) erzählt, wie Gott Samuel ruft und ihm eine Vision für die Zukunft seines Volkes überträgt. Spannend finde ich, dass Gott gerade den jungen Samuel ruft. Er allerdings kapiert überhaupt nichts. Es ist der hochbetagte Eli, dem Samuel dient, der ihm auf die Sprünge hilft. Erst nach Drohungen Elis traut sich Samuel seinen Traum überhaupt zu erzählen. Und dann – im nächtlichen Gespräch – deuten sie gemeinsam den Traum und das ganze Volk hat daraufhin wieder eine Zukunft. Es wäre vermessen, anzunehmen alle jungen Menschen wären Samuel und alle ihre Träume hätten etwas mit der Zukunft der menschlichen Gesellschaft am Hut. Mir gefällt vor allem die Beziehung der beiden zueinander. Eli, ein alter weiser Mann, der sein Leben lang Gott und seinem Volk gedient hat. Und Samuel, ein junger Schnösel, der wenig Erfahrung hat in biblischer Traumdeutung und wahrscheinlich in Lebenserfahrung insgesamt. Der Alte ermuntert den Jungen. Im nächtlichen Gespräch finden sie gemeinsam Wege und Ziele. In der gegenseitigen Anerkennung und im Respekt voreinander kann ein Traum Gestalt annehmen und Wirklichkeit werden.Von alten weisen Menschen, Männer und Frauen träume ich, die heute junge Menschen, Kinder und Jugendliche, ermutigen zu träumen. Die ihnen Anstöße geben, ohne den Inhalt vorwegzunehmen. Die sie ihr Leben leben lassen ohne Maß nehmen zu müssen an dem, was früher war.Und ich wünsche mir, dass viele (nächtliche) Gespräche stattfinden, in denen diese Träume gemeinsam gedeutet werden. Da weiß keine/r allein die richtige Lösung, aber gemeinsam werden neue Möglichkeiten gefunden.
Wer träumt mit?
Ob wir das Generationenproblem damit lösen? Ich weiß es nicht. Aber ein Schritt in eine gute Richtung könnte es schon sein. „Die Jungen sind (nicht nur) die Zukunft!“ – Sie sind auch schon die Gegenwart. Wenn den Jungen von heute vorgeworfen wird (vielleicht zurecht) sie wären lethargisch, bequem und interessieren sich für nichts (außer für sich selbst), dann könnte das womöglich damit zusammenhängen: sie haben niemand, der ihnen das Träumen lehrt.Möglicherweise sind es wirklich Träume, die anregen zu Aufbruch und Neubeginn. Doch wer gibt den Anstoß dazu und hilft – ganz unaufdringlich – sie zu verwirklichen? Aber: wer träumt mit Katharina und Hannes und . . .
Hoffnungstext
Du Gott der Anfänge, segne uns, wenn wir deinen Ruf hören, wenn deine Stimme uns lockt zu Aufbruch und Neubeginn.
Du Gott der Anfänge, behüte uns, wenn wir loslassen und Abschied nehmen. Wenn wir dankbar zurückschauen auf das, was hinter uns liegt.
Du Gott der Anfänge, lass dein Gesicht leuchten über uns, wenn wir vertrauend einen neuen Schritt wagen auf dem Weg unseres Lebens.