Jugend heute: Das Rad der Veränderung läuft immer schneller
Ausgabe: 2001/25, Eltern, Jugend, Grufeneder
19.06.2001
- Maria Haunschmidt
Der jugendliche Hip-Hopper vom Nebenhaus hat mit dem Hip-Hopper aus Prag mehr Gemeinsamkeiten als mit seinen Eltern ...
... so ein Kenner der Jugendszene. Jungsein heute heißt aber nicht nur Zugehörigkeit zu Gleichaltrigen und Trends, sondern auch Abgrenzung. Es heißt auch eine große Portion Flexibilität, hohe Leistungsanforderungen, großer Druck und lange Ausbildungszeiten. Das „Hotel Mama“ ist beliebter denn je. Um das Thema „Jugend – Zeit der Veränderung“ ging es bei einer Podiumsdiskussion in Linz, die der Oö. Familienbund mit dem Landesjugendreferat, dem Oö. Familienreferat und dem Kath. Familienverband veranstaltete.
„Schwierige“ Eltern
„Die sorglose Kindheit gibt es heute kaum mehr: Schonräume verschwinden, auch im übertragenen Sinn. Schon Kinder sind konfrontiert mit BSE und Atomgefahren!“, so der Familientherapeut Univ.-Doz. Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Leiter der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung der Kath. Jugendfürsorge Regensburg. Im Zunehmen sind zerbrochene Familien. Jugendliche müssen auch erkennen, dass eine gute Ausbildung längst keine Job-Garantie bedeutet. Analog dazu werden die Ängste größer, z. B. vor Arbeitslosigkeit. Krankheiten wie Allergien und Essstörungen nehmen zu. Letzteres belegte die klinische Psychologin Dr. Alexandra Lagemann anhand von Zahlen. Auch wenn sich die Extremfälle in Grenzen halten, nimmt der Schlankheitswahn bei jungen Mädchen stark zu. In Los Angeles halten bereits 80 Prozent der 9-jährigen Mädchen Diät, bei uns haben mehr als die Hälfte der 15-Jährigen Diäterfahrungen.
Anteilnahme ist gefragt
Geschwister zum Konfliktaustragen gibt es in den Kleinfamilien immer seltener. Erster Reibebaum der Pubertierenden sind die Eltern. Auf die mitunter mühsamen Auseinandersetzungen müssen sich diese einlassen! Die Familie ist als sichere Basis und zur Orientierung und Grenzziehung sehr wichtig – auch in Bezug auf die neuen Medien, es gibt immer mehr Internet-Süchtige. Mit zunehmendem Alter sind Eltern wohlwollend begleitend, aber nur nebenher bedeutsam. „Kinder brauchen heute“, so der Hauptreferent „sehr viel Vertrauen, Selbstständigkeit und Freiheit, um sich behaupten zu lernen. Der Wunsch nach authentischen erwachsenen Vorbildern ist zwar da, aber jeder kontrollierende Zwang wird abgelehnt!“
Dr. Scheuerer-Englisch: „Am schlimmsten ist aber die Gleichgültigkeit.“ Diesbezüglich bekam er Schützenhilfe von Sektenreferent MMag. Andreas Girzikovsky, der auf okkulte Gruppen und Satanismus einging. Kinder, die daheim keinen Gruß, kein liebes Wort bekommen, seien diesbezüglichen Gefahren viel mehr ausgesetzt.
Der Kriminalbeamte Dr. Christian Grufeneder stellte fest, dass seiner Erfahrung nach viele Jugendliche bei sogenannten leichten Drogen wie z. B. Ecstasy kein Unrechtsbewusstsein haben. In Bezug auf kriminelle Delikte – etwa Ladendiebstahl – wurde die Sinnhaftigkeit heilsamer Schadensgutmachung als positiv erwähnt. Es gibt dafür schon gute Modelle.
Das ist IN/OUT bei der Jugend
– Echtheit, Authentizität statt „von den Medien veräppelt werden“. Reality Shows statt Soaps, Niedergang der Boygroups.
– Rebellion gegen die Gesellschaft, aber nicht für pathetische Ideale, sondern eher für die individuelle Freiheit.
– Totale Vernetzung: Der Freundeskreis wird mit SMS, Handy und E-Mail organisiert.
– Rollenklischees: Benachteiligung von Mädchen ist heute „unauffälliger“ als früher.
– Wissen (über bestimmte Bereiche, z. B. angesagte Marken) und Erfolg (beim anderen Geschlecht, Beliebtheit) bedeuten Macht (gegenüber denen, die nicht mittun können).
Nach Alexander Lisetz, Jugendzeitschrift-Redakteur und Buchautor.