Arbeiterkammer sieht steigenden Druck in der Arbeitswelt
Interview mit AK-Präsident Hubert Wipplinger
Ausgabe: 2001/25, Wipplinger, AK, Druck, Arbeitswelt, Arbeit, Präsident
19.06.2001
- Ernst Gansinger
„Die Arbeitswelt wird immer härter. Ich komme in viele Betriebe. Der Druck ist ein durchgängiges Thema der Leute. Es gibt manche, die in der Früh schon Tabletten nehmen, damit sie’s wirklich aushalten.“
Diesen Befund stellt der Präsident der oberösterreichischen Arbeiterkammer, Hubert Wipplinger, im Kirchenzeitungsinterview aus. Es tut sich einiges, vieles ist im Umbruch. Hat die Arbeit dem Kapital zu dienen? Oder ist es umgekehrt, wie es Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Laborem exercens“ einmahnte?
KIZ: Wie schlägt sich der steigende Druck auf die Tätigkeit der Arbeiterkammer nieder?
Wipplinger: Die Fälle, die an unsere Berater/innen herangetragen werden, werden mehr. Voriges Jahr hatten wir 289.000 Beratungen! 15.000 Arbeitnehmer/innen wurden von uns gerichtlich vertreten, wobei wir 940 Millionen Schilling erstritten.
KIZ: Bei Post und Bahn liegen derzeit Umstrukturierungen in der Luft. Auf unseren Postartikel (KIZ Nr. 23) haben wir von Postlern Reaktionen erhalten, die über die Arbeitssituation klagen. Wie sieht das die Interessensvertretung?
Wipplinger: Es gibt bei den Mitarbeiter/innen von Post und Bahn eine große Verunsicherung. Niemand weiß, wie es weitergeht. Das ist der Boden für Mobbing. Ich bin der Meinung, dass gewisse Gemeinschaftsaufgaben von der öffentlichen Hand erledigt werden müssen. Derzeit läuft in Österreich alles Richtung Privatisierung. Dabei wird viel verschleudert, siehe Telekom. Die Idee, das Trinkwasser zu privatisieren, ist ein Wahnsinn.
KIZ: Was die öffentliche Hand gewährleisten soll, was also eine Gemeinschaftsaufgabe und keine Sache für eine Privatisierung ist, darüber müsste es einen österreichischen Dialog geben.
Wipplinger: Aber den Dialog mit uns führt niemand. Ein Beispiel ist das Begutachtungsrecht vor Gesetzesbeschlüssen. Vieles von dem, was derzeit im Parlament über die Bühne geht, ist eine Nacht- und Nebelaktion, ohne Einbindung der Interessensgruppen in die Begutachtung.
Sozialpartner im Betrieb
KIZ: Wirtschaftskammer-Präsident Dr. Leitl lobt die neue Sozialpartnerschaft. Finden auch Sie eine gute Gesprächsbasis zu den Arbeitgeber-Vertretern?
Wipplinger: Auch ich habe mit Präsident Sigl von der Wirtschaftskammer auf menschlicher Ebene kein Problem. Nur – die Interessenskonflikte nehmen zu. – Die Sozialpartnerschaft funktioniert immer weniger auf der Ebene, wo sie funktionieren müsste – auf der betrieblichen. Sozialpartnerschaft hieße vor allem, dass in den Betrieben die Interessensgruppen Arbeitgeber und Arbeitnehmer mehr miteinander reden.
KIZ: Wird der Interessensgegensatz zwischen unselbstständig und selbstständig nicht immer verschwommener? Sind nicht kleine Wirtschaftstreibende eher auch schon längst unselbstständige Berufstätige, abhängig von großen Konzernen?
Wipplinger: Ich betone immer wieder: Unsere Positionen richten sich nicht gegen die kleinen Unternehmer, denn diese haben es oft furchtbar schwer. Ich habe immer wieder auch gute Gespräche mit Vertretern dieser Gruppe. Eine Allianz ist durchaus überlegenswert. Gleiche Interessen gibt es zum Beispiel bei den Ladenöffnungszeiten.
Macht der Konsumenten
KIZ: Hätten es nicht die Konsumenten in der Hand, die fortschreitende Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten durch entsprechendes Konsumverhalten (kein Kauf an Sonntagen und zu später Tageszeit) zu stoppen?
Wipplinger: Viele Konsumenten haben zwei Seelen in ihrer Brust. Die des Arbeitnehmers, der sagt, ich will keine noch längeren Öffnungszeiten. Und die des Konsumenten, der dennoch einkauft. Das Bewusstsein ist da, aber das Verhalten nicht.
ZUR PERSON
AK-Präsident Hubert Wipplinger wurde 1941 in Taufkirchen an der Pram geboren. Er lernte Betriebsschlosser bei der Firma Schärding Granit, wo er bis 1967 beschäftigt war. 1967 wurde er Landesobmann der Gewerkschaftsjugend OÖ. 1974 wurde er Mitglied der AK-Vollversammlung und des AK-Vorstandes, 1982 AK-Vizepräsident. Es folgten weitere Aufgaben in Gewerkschaft, Arbeiterkammer und Kommunalpolitik. Schließlich wurde er Vorsitzender der ÖGB-Landesexekutive (1989) und AK-Präsident (1999).Nicht zuletzt der gemeinsame Einsatz für den arbeitsfreien Sonntag sorgt für eine gute Gesprächsbasis zwischen Diözese Linz und AK bzw. ÖGB.