„Bildung ist mehr als Beschäftigungs-Fähigkeit“, sagt der Mitte Juli aus dem Amt scheidende Präsident des oö. Landesschulrates, Dr. Johannes Riedl. Er zieht im Interview mit der Kirchenzeitung Resümee: Die moderne Schule hat viele Herausforderungen.
KIZ: Die geänderte Kindheit und Jugend sei die größte Herausforderung für die Schule, sagten Sie vor kurzem. Was heißt das konkret?
Riedl: Einerseits wird den Kindern – Gott sei Dank – mehr Freiheit eingeräumt, selbst zu bestimmen, ihre Zeiteinteilung, die Auswahl der Bücher, der Medien ... So gibt es einen Spielraum an Freiheit und mehr Selbststeuerung auf dem Weg zur Mündigkeit. Andererseits werden die Ansprüche überzogen, was in der Gruppe der Schulklasse dann zu einem Prob-lem wird. Manche Eltern verwechseln notwendige Freiräume mit Beliebigkeit. Ein Verlust an Erziehung – das Einflussnehmen durch Gespräch und Argumente – ist die Folge. Die Lehrer/innen haben am Zuwachs an Freiheit zu leiden begonnen, aber der Zugewinn überwiegt.
Das Medien-Problem
KIZ: Eines Ihrer Freiheitsbeispiele ist die Freiheit der Kinder bei der Auswahl der Medien. Welche Auswirkungen kann das haben?
Riedl: Wir wissen, dass schulpflichtige Kinder bis nach Mitternacht fernsehen, auch schon Volksschulkinder. Der unkontrollierte Medienkonsum geht in die Richtung: jede/r für sich. – Die Sprech- und Kommunikationsfähigkeit leidet darunter. Das aber kann fatale Folgen haben: Wer sich nicht verständigen kann, wird eher zur Gewalt greifen, um sich zu verständigen.
KIZ: Ist nicht die Freiheit vieler Kinder eine Scheinfreiheit, weil der Gruppendruck enorm ist?
Riedl: Die Peergroup (Bezugs-gruppe, meist Gleichaltrige) gibt vielfach vor, was man haben muss, anziehen muss, welche Schuhe man trägt, welches Schreibwerkzeug man hat ... Das ist eine seltsame Uniformität, die in Konkurrenz zur Freiheit, zur Individualisierung steht.
KIZ: Wird von der Schule im Bildungs-Gesamt nicht zu viel erwartet?
Riedl: Österreich gehört zu den drei wohlhabendsten Ländern in Europa und den zehn reichsten in der Welt. Dieser hohe Wohlstand, das dichte Sozialnetz, die geringe Arbeitslosigkeit ... sind nur möglich, weil die Schulbildung eine so hohe Wirkung hat. Aber – die Schule ist kein wirksames Instrument, die Gesellschaft als solche zu verändern.
KIZ: Wo ist im europäischen Vergleich die österreichische Schule?
Riedl: Die Volksschüler sind nach einer internationalen Studie Europameister in der Schulleistung. Betrüblicherweise aber teilen wir bei den Maturanten in Mathematik und Naturwissenschaften das Schicksal schlechten Abschneidens mit anderen renommierten Ländern wie Deutschland. Hier besteht Handlungsbedarf. Im Bereich der Sprachen liegen wir gut. Ziehen wir die Ergebnisse der Fremdsprachen-Wettbewerbe heran, liegen wir sensationell gut. Mit der LISA in Linz-Auhof haben wir auf dem Sprachsektor ein Vorzeige-Projekt. Und in Linz-Harbach gibt es eine bilinguale Volksschule.
Lebensnähe
Ich wünsche mir aber, dass die Fremdsprachen in Zukunft befreit werden aus der Gefangenschaft des durch den Stundenplan definierten Unterrichts. Warum sollte es nicht auch ein englisch gesprochenes Referat in Geographie geben? Die Lebensnähe der Schule im allgemeinbildenden Bereich halte ich für defizitär. Da schleppen wir zu viel detailistischen Ballast mit. Wir müssen Orientierungswissen vermitteln. Die Einstellung der Schüler/innen ist zu fördern, dem Wissen subversiv, also kritisch, zu begegnen, die Fragehaltung zu lernen. Das ist wahrscheinlich die wichtigste Ich-Kompetenz, die wir vermitteln können: die Neugierhaltung, die das Lernen in Gang hält.