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Gottes Antlitz beschmiert

Polen: Eine schmerzvolle Suche nach Wahrheit und Schuld
Ausgabe: 2001/28, Polen, Jedwabne, Juden, Gewalt, Gedenkstätte, Krieg,
10.07.2001
- Teresa Sotowska/Warschau
Am 10. Juli fand im nordostpolnischen Ort Jedwabne ein Gedenkakt für die vor 60 Jahren ermordeten Juden statt. Staatspräsident Kwasniewski bat dabei erneut um Vergebung für die Beteiligung von Polen an dieser Gewalttat.

Am 10. Juli 1941 kam es in einem Dorf im Nordosten Polens zur Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Seit einiger Zeit steht diese Ortschaft im Mittelpunkt einer schmerzhaften Diskussion, ausgelöst von dem polnisch-jüdischen US-Autor Tomasz Gross. In seinem vor einem Jahr veröffentlichten Buch „Die Nachbarn“ stellt er die These auf, dass über 1600 Juden aus Jedwabne von ihren polnischen und katholischen Nachbarn in eine Scheune getrieben und bei lebendigem Leibe verbrannt worden seien. In dem Buch werden auch der Diözesanbischof und katholische Priester beschuldigt, sie hätten die Aktion entweder gleichgültig beobachtet oder sich sogar geweigert, den Juden irgendwie zu helfen. Als Hauptmotiv der Täter und „Zuschauer“ nennt Gross den „polnischen Antisemitismus“.
Das Buch hat die Polen schockiert, aber auch zum Nachdenken gebracht und dazu, die Wahrheit zu erkunden. „Man hat ein Urteil ohne Prozess über uns gefällt, uns beschimpft und geschmäht!“, sagen aufgeregte Einwohner von Jedwabne während eines Treffens mit Staatsanwalt Radoslaw Ignatiew vom Polnischen Institut zur Bewältigung der nationalen Vergangenheit. Er ist für die Untersuchung des Pogroms zuständig und hat die Bewohner von Jedwabne aufgefordert, Erinnerungen über das vor 60 Jahren Geschehene zu sammeln und mitzuhelfen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Die Leiden der Polen

Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1939 lebten Polen und Juden in den östlichen Teilen Polens ohne größere Probleme miteinander. Charakteristisch war die Tatsache, dass in den kleinen Ortschaften dieser Region die Bevölkerung oft halb polnisch und halb jüdisch war. So war es in dieser Zeit auch in Jedwabne der Fall, wo vor dem Kriege zweieinhalb bis dreitausend Einwohner lebten. In Jedwabne besuchten die polnischen und jüdischen Kinder dieselbe Schule. Einer der polnischen Bewohner, der 1941 sieben Jahre alt war, erinnert sich, dass er eine Reihe jüdischer Freunde hatte, mit denen er nicht nur zusammen in die Schule ging, sondern auch spielte.
„Das Problem begann mit dem Kriegsbeginn. Zwei totalitäre Systeme: Faschismus und Kommunismus, weckten in den Menschen das Böse und führten uns ins Unglück“, sagt der katholische Pfarrer von Jedwabne, Edward Orlowski, der in den Jahren 1940 bis 1945 in dieser Pfarrei als Vikar tätig war. Wie er erzählt, hatten deutsche Einheiten in den ersten Tagen des Krieges den Ort eingenommen. Als aber die Russen am 17. September 1939 in Polen einmarschierten, zogen sich die Deutschen zurück und das Dorf fiel in russische Hände. Im Oktober 1939 tauchte in den Wäldern der Umgebung und auch in Jedwabne selbst eine Einheit der polnischen Widerstandsbewegung auf, in der auch die Dorfbevölkerung aktiv wurde. Unter den Hauptorganisatoren waren zwei Priester: Pfarrer Marian Szumowski aus Jedwabne und Stanislaw Cutnik. Nach blutigem Kampf mit russischen Soldaten am 23. Juni 1940 war diese Widerstandsgruppe zerschlagen. Mehr als 250 Menschen wurden festgenommen, auch die beiden Priester.

Vernichtung der Juden

Die Leiden der jüdischen Bevölkerung begannen mit dem Anfang des deutsch-russischen Krieges am 22. Juni 1941. Innerhalb von ein paar Tagen marschierten die Deutschen in Ostpolen ein und begannen gleich mit der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Nach Jedwabne kamen die Deutschen wahrscheinlich schon am 25. Juni. Das Judenmassaker beschreiben die Einwohner Jedwabnes allerdings ganz anders, als es in dem Buch „Nachbarn“ steht. Schon am 8. Juli hätten die deutschen Gendarmen die Ortschaft umkreist, so dass niemand herauskommen konnte. Drei Tage nacheinander hätten sie die Juden, die nicht schon vorher geflohen waren, auf den Markt getrieben, wo sie „Gras jäten“ mussten. Am dritten Tag hätten sie die Juden auf dem Markt zusammen- und zu der Scheune getrieben, wo sie verbrannt worden seien. Die Jedwabne-Einwohner gestehen, dass an dem Pogrom auch Polen teilgenommen haben, weil „Schurken und Banditen immer zusammenfinden“. Sie berichten, dass ein Teil der polnischen Bürger von deutschen Gendarmen gezwungen wurde, die Juden zusammenzutreiben. Wieviele Polen mordeten Juden aus eigenem Willen, aus Rache, aus Habsucht oder – wie Gross wissen will – aus Antisemitismus? Laut Gross – alle erwachsenen Einwohner des Ortes. Laut Einwohner von Jedwabne nur Einzelne von ihnen. Eine gewisse Rolle dürfte auch gespielt haben, dass während der russischen Besatzung (1939 bis 1941) jüdische Bewohner mit den Russen kollaboriert haben. Man wirft ihnen vor, dazu beigetragen zu haben, dass aus Jedwabne 300 Menschen umgekommen sind.
Was immer die Untersuchungen ergeben werden – mit diesem Verbrechen wurden nicht nur Mitmenschen vernichtet, sondern „das Antlitz Gottes beschmiert“, so der polnische Primas, Kardinal Jozef Glemp.
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