Eine bekannte Bibelstelle, die vom barmherzigen Samariter! So bekannt, dass wir geneigt sind, darüber hinweg zu lesen, weil wir sie ja so schon gut kennen und wissen, worum es geht. Eine große Gefahr bei so bekannten Bibelstellen, die wir vielleicht schon oft unseren Kindern aus der Kinderbibel vorgelesen haben, im Kindergottesdienst als Evangelium genommen haben … Geht es wirklich „nur“ um das Helfen, egal, wer es ist? Oder will dieses Gleichnis, das Jesus ja seinen Jüngern erzählt, mehr sagen?
Zuerst kann uns hier die Schriftstelle aus dem 1. Testament, aus dem Buch Deuteronomium helfen. Woher kommen diese Gesetze und Gebote, auf die wir verpflichtet sind – sind sie eine Sache der Ferne, des Kopfes??? Nein, eine Sache des Herzens! Denn diese Gesetze sind nicht Worte fernab von uns. Nein, sie sind in uns gelegt: in unseren Mund und unser Herz. Und daraus kann die wahre Nächstenliebe geschehen: nicht weil wir mit unserm Kopf die Gesetze und Gebote kennen und halten, sondern weil uns ihr Inhalt ins Herz gelegt ist und wir daran glauben, dass sie wichtig sind.
Was heißt denn glauben? Es heißt, das Herz schenken!!! Ich glaube an Gott – ich schenke mein Herz. Ich glaube an Jesus – ich schenke mein Herz. ich glaube an den Nächsten – ich schenke mein Herz. Und wie kann das nur geschehen: mit herz-lichen Gedanken, mit herz-lichen Worten, mit herz-lichen Taten … Glauben als Handeln mit Herz!!! Will der Fragende in dieser Geschichte beweisen, dass das Liebesgebot gar nicht durchführbar ist – weil eben so schwer zu definieren ist, wer der Nächste ist? Jesus antwortet nicht mit einer theoretischen Abhandlung, sondern eben mit einem praktischen Gleichnis.
Und wer ist nun wirklich der Nächste? Geht unser Empfinden da nicht tatsächlich zu dem hin, der Hilfe braucht? Da ist Jesu Antwort faszinierend für mich: nicht der ist der Nächste, dem man helfen musste. Nein – jener ist der Nächste, der die Hilfe geleistet hat! Der, der barmherzig gehandelt hat, ist der Nächste. Der diese Liebe und Barmherzigkeit wirklich „ tut“ am Notleidenden, der ist der Nächste. Und damit wird dieser zum Glaubenden, weil er dem half, der sein Herz, seine Hilfe brauchte.
Damit stellt Jesus auch einen Gesellschaftsbezug her. Denn als Hilfegebender sich seinen Mitmenschen als Nächster zu erweisen heißt, mitzuwirken an der Gestaltung der Gesellschaft. Es heißt, politisch zu werden und sich damit vielen Menschen als Nächster zu erweisen. Jesus fördert uns in dieser Haltung, aber er fordert uns auch …
Herma Sutterlüty, Religionslehrerin und regionale Pfarrbegleiterin, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Egg im Bregenzerwald.