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Bitterarme Gastgeber

Mazedonien: Mutter-Teresa-Vereinigung und Caritas helfen Flüchtlingen
Ausgabe: 2001/29, Mazedonien, Caritas, Flüchtlinge, Mutter-Teresa-Vereinigung, Kumanovo,
17.07.2001
- Hemma Spreitzhofer
Über 100.000 Menschen haben in Mazedonien zuletzt ihre Dörfer verlassen. Die Waffen schweigen zwar, doch wer von ihnen jetzt zurückkehrt, steht vor dem Nichts. Ein Bericht aus Kumanovo.

„Um sechs Uhr ist die mazedonische Polizei gekommen und hat gesagt: In einer Stunde müsst ihr verschwunden sein, sonst seid ihr tot!“, erzählt Jafer Ademi. Mit seiner neunköpfigen Familie hatte er einen Monat im Keller des eigenen Hauses verbracht. Draußen waren Schüsse und Granaten von den Kämpfen zwischen mazedonischer Armee und albanischen Rebellen zu hören. „Die Armee hat alle Tiere umgebracht und unsere Häuser angezündet. Wir haben alles verloren.“
Ademis Frau blickt mit leeren, traurigen Augen zu Boden. Zu nahe sind die schrecklichen Ereignisse. Wie der Großteil der EinwohnerInnen des vertriebenen Dorfes ist auch Familie Ademi albanischer Abstammung. Damit gab es nur mehr einen Ausweg: Flucht. Zwei Monate lang war Jafer Ademi mit seiner Frau, den sechs kleinen Kindern und den Großeltern zu Fuß unterwegs – mit nicht mehr als den Kleidern am eigenen Leib. Seit vier Wochen ist die Familie in der Nachbargemeinde Kumanovo untergebracht. Die Gastgeberin ist selbst bitterarm, doch dass sie ihren „Nachbarn“ hilft, ist für sie überhaupt keine Frage.
Dass die Hilfe möglich ist, verdanken sie nicht zuletzt der Mutter-Teresa-Vereinigung, jener Partnerorganisation der Caritas, die hier die Flüchtlinge betreut.

Erste Hilfe für 500 Familien

„Bisher haben sich über 1100 Flüchtlingsfamilien bei uns registriert“, erklärt Jashar Polizhani von der Mutter-Teresa-Vereinigung. „Mit der Hilfe der Caritas konnten wir sozusagen als ‚erste Hilfe‘ 500 Familien mit einem Liter Öl, Nudeln und je einem Kilo Mehl und Bohnen versorgen. Bei uns melden sich aber auch jene, die noch Platz für Flüchtlinge haben. So konnten bis jetzt noch alle untergebracht werden.“Schon vor den Kampfhandlungen waren die Familien in den Bergdörfern bitterarm und auf Unterstützung angewiesen. Doch nun haben sie – SlawInnen wie AlbanerInnen – ihre Lebensgrundlage verloren. Die Häuser niedergebrannt, die Tiere umgebracht, die Ernte nicht eingeholt.

„Das wirkliche humanitäre Problem beginnt erst“, sagt Marion Feik. Und die Balkan-Expertin der Caritas erklärt der Kirchenzeitung warum: „100.000 Menschen haben ihre Dörfer in den letzten Monaten verlassen. Zwei Drittel sind in den Kosovo geflohen, ein Drittel hat in Mazedonien Unterschlupf gesucht. Jetzt gibt es einen Waffenstillstand – der vielleicht hält. Und dann kommen sie in ihre Dörfer zurück und stehen vor dem Nichts.“

Noch weit weg

„Wir haben über Jahrhunderte hier friedlich zusammengelebt. Die große Politik interessiert uns nicht. Wir wollen nur in Frieden leben, etwas zu essen und eine Schule für unsere Kinder. Und wir wollen arbeiten, damit wir unsere Familien ernähren können“, erklärt ein slawischer Bauer, der bei der Verteilungsstelle gemeinsam mit seinen albanischen Nachbarn auf einen Sack Mehl wartet. Bis dahin ist es aber in Mazedonien noch weit.




Zur Sache:


Steiniger Weg

Die mazedonische Regierung und albanische Rebellen haben einen Waffenstillstand ausgehandelt. Nun beginnt der mühsame Weg zum wirklichen Frieden, denn bei den Vorstellungen über ein Zusammenleben herrscht eine tiefe Kluft zwischen der Mehrheit und der großen Minderheit der AlbanerInnen (rund ein Drittel der Bevölkerung). „Wir müssen wohl lernen nachzugeben“, resümiert der sozialdemokratische Bürgermeister von Kumanovo. Er zählt zur gemäßigten Seite der Slawen. Eine so große Minderheit wie die der AlbanerInnen wird sich nicht ohne weitreichende Zugeständnisse an kulturellen und politischen Rechten beruhigen lassen.

Abgesehen von politischen Übereinkünften müssen die Menschen, die seit Jahrhunderten gemeinsam gelebt haben, wieder lernen, ohne Angst und Misstrauen miteinander zu leben. Denn in den wenigen Monaten seit Ausbruch der Kämpfe ist viel Porzellan zerschlagen worden. Beispielhaft für die vorsichtige Annäherung sind Projekte von Frauengruppen in Kumanovo und Tetovo. Teuta Ajeti, Medizinerin und Präsidentin der Liga der albanischen Frauen: „Die Frauen und Kinder sind die Opfer auf beiden Seiten. Sie sind vom Krieg traumatisiert. Deshalb haben wir gemeinsam mit slawischen Frauenorganisationen ein Programm entwickelt, um sie zu betreuen.“ In regelmäßigen Treffen beschäftigen sich die Frauen mit ihrer Gesundheit, mit Fragen zu ihren Kindern, mit ihrem Alltag. Über ihre Kriegserfahrungen sprechen sie nur unter vier Augen. Zu tief sind die Wunden von den Wochen, die sie in den Kellern ihrer Häuser verbracht haben.

Spendenkonto der Caritas: 7.700.004 (PSK) „Mazedonien“
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