Die Regierung forderte den Dialog zwischen Forschung, Politik und Gesellschaft letzte Woche ein. In Kremsmünster wurde er zur gleichen Zeit geführt: Bei der Ökumeinschen Sommerakademie 2001.
„Solidarität statt Selektion“– mit dieser Formel brachte der evangelische Sozialethiker DDr. Günter Altner in die hochaktuelle Debatte um die Bioethik das ein, was bei den vielfältigen Möglichkeiten der Forschung heute zu kurz kommt. Wenn heute Gendefekte als Ursachen von Missbildungen und Krankheiten schon frühzeitig – in den ersten Phasen im Mutterleib – festgestellt werden können, braucht es umso mehr die Solidarität mit den Kranken und mit den Behinderten. „Lasst uns Menschen machen“ war der Titel der diesjährigen Sommerakademie von ORF, Linzer Kirchenzeitung, katholischer und evangelischer Kirche im Stift Kremsmünster.
Bischof Küng: Ja unter Bedingungen
Zwischen Wissenschaftern und Theologen, aber auch unter den hochrangigen Vertretern der christlichen Konfessionen zeichneten sich erste Linien einer Verständigung ab: Die medizinischen Möglichkeiten der Gentechnik und Gentherapie sind durchaus „erstrebenswert“ – so Bischof Dr. Klaus Küng von Feldkirch. Sie müssen aber der Heilung von Menschen dienen. Im selben Atemzug nennt er klar die Grenze: Um zu diesen Möglichkeiten zu kommen, darf nicht mit Embryonen in der Weise geforscht werden, dass deren Leben damit ausgelöscht wird.
„Stammzellen“ in hoher Qualität können aus befruchteten Eizellen nach den ersten Zellteilungen gewonnen. Sie können heute jedoch auch aus Nabelschnur-Blut, ja sogar anderen Körperzellen gewonnen werden – nur noch nicht so gut und mit möglichen Defekten. Bei der Sommerakademie wurde auch auf andere Grenzen aufmerksam gemacht. Nur zum Teil ist der Mensch von seinen Erbanlagen geprägt, betonte der Berliner Humangenetiker Dr. Karl Sperling. Die Erbanlagen sind seit Jahrtausenden die gleichen, trotzdem entwickelt sich der Mensch kulturell weiter. Und er fragt: Wie kommt es, dass bei zwei Menschen mit demselben Gendefekt sich das beim einen in Form einer schweren Behinderung auswirkt, der andere aber fast gesund leben kann?
Es kommt also nicht bloß darauf an, ob der Mensch mit dem optimalen Genmaterial gezeugt ist, sondern ob er mit seinem Leben gut ins Leben der Menschen eingebettet ist. Der Linzer Dogmatiker Dr. Franz Gruber drückt es so aus: Wenn ein Kind nach seinem Leben fragt, könnte man ihm den genauen biologischen Hergang seines Entstehens erklären. Man könnte ihm aber auch sagen: „Weil unsere Liebe wollte, dass du ins Leben trittst!“. Beide Antworten stimmen – und brauchen einander. Die Debatte um das Leben und um den Schutz des Lebens muss angesichts der neuen Erkenntnisse neu geführt werden. Günter Altner schließt da die geltende Praxis um den Schwangerschaftsabbruch mit ein – nicht um Strafen einzuführen, sondern um deutlich zu machen, was hier eigentlich geschieht. Eine neue Sensibilität für das Leben soll dem Geschäft mit dem Leben, das sich Gentechnikkonzerne erhoffen, entgegensetzt werden. Altner stellt die Menschenwürde, die es zu achten gilt, an die vorderste Stelle – und zwar ungeteilt für alle Menschen.Forschung und Heilung ja, aber nicht auf Kosten Dritter und vor allem nicht der Schwachen. Das war der Nenner, auf den man sich in Kremsmünster verständigte.
Wörtlich:
Experten/innen von Weltruf erörterten in Kremsmünster Fragen zur Bioethik.
„Unsere Erbanlagen haben sich seit 30.000 Jahren nicht verändert. Was uns als Menschen auszeichnet, ist unsere kulturelle Entwicklung. Die gleiche Veranlagung kann von schwer krank bis nahezu gesund reichen.“ Prof. Dr. Karl Sperling, Humangenetiker, Berlin
„Auch wenn man den genetischen Code des Menschen kennt, sind wir weit davon entfernt, genaue Vorhersagen treffen zu können, wie sich ein Mensch entwickelt.“ Prof. Dr. Christine Mannhalter, Molekularbiologin, Wien
„Im Prinzip ist Gentherapie keine andere Behandlung wie andere auch. Wenn man dem Patienten damit eher schadet, darf man das nicht tun.“ Prof. Dr. Matthias Wabl, Mikrobiologe, Los Angeles
„Das Leiden wird für viele immer schwerer verständlich und schwerer verträglich. Der Mensch als einzelner wird immer gesünder, im Ganzen wird er aber auch kränker, weil er nur mehr in geringem Maß die Fähigkeit besitzt, unter Belastungen zu leben.“ Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff, Theologe, Freiburg