Wieder ein herausforderndes, ja provokatives Evangelium. Damals war es kaum möglich, dass eine Frau Männer ins Haus einlädt, und vor allem war es nicht möglich, dass ein Rabbi eine Frau lehrte. In der Gemeinde Jesu dagegen ist die Frau ein vollwertiger Mensch. Jesus hat Frauen eingeladen, seine Botschaft zu hören. Jesus zeigt in der Begegnung mit Maria, dass für ihn die Frau in der christlichen Gemeinde gleichwertig ist. Diese Marta-Maria Erzählung ist aber nicht nur eine Frauengeschichte. Es ist eine Geschichte an den Menschen von heute in einer stressgeplagten, arbeits- und leistungsorientierten Gesellschaft. Es ist eine Geschichte, die unser Gleichgewicht in Frage stellt, unser Gleichgewicht von innerer und äußerer Orientierung.
Maria oder Marta? Welche ist mir sympathischer? Welche steckt mehr in mir? Marta oder Maria? Nach welcher sehne ich mich mehr? Maria oder Marta? Ganz vordergründig scheint es so, also ob Jesus die Maria-Rolle hervorhebt und bestätigt. Jesus betont, dass nur eines wichtig sei: das intensive Hinhören und Meditieren des Wortes Gottes. Was ist dann mit diesem geschäftigen und sicherlich auch notwendigen Tun von Marta? Will Jesus diese abwerten? Keinesfalls. Hier ist nun wichtig, diesen Bibeltext in den Gesamtzusammenhang der Texte davor und danach zu stellen. Der Text davor – vom letzten Sonntag (der barmherzige Samariter) erzählt von umgesetzter Nächstenliebe, also vom Tun. Schon in diesem Text streicht Jesus hervor, wie wichtig immer wieder die Rückbesinnung darauf ist, warum wir etwas tun. Damals machte sich ein geschäftiger, christlicher Aktivismus breit, den Jesus kritisieren wollte.
In der Gestalt der Maria beschreibt Jesus bzw. der Evangelist jene Haltung, die in der Gemeinde vernachlässigt wird: das Hinhören auf das Wort Gottes. Eigentlich will der Evangelist mit Maria wieder den Gegenpol schaffen.Wenn Jesus das viele Sorgen und Mühen der Marta kritisiert, so will er eigentlich ganz kritisch anfragen: Warum tust du das alles? Aus welcher Grundgesinnung heraus? Wirklich aus Liebe zum anderen – oder eben, weil man so tut?
Nächstenliebe und Diakonie müssen eben viel mehr aus dem Hinhören auf das Wort Gottes kommen, um nicht in einen bloßen Aktivismus zu verfallen. Und dieses Gleichgewicht will Jesus ins Licht rücken. Das Gleichgewicht vom Hinhören auf das Wort und vom Umsetzen in die Tat. Das Gleichgewicht vom Stillewerden und Arbeiten. Das Gleichgewicht von Gebet und Arbeit. Beide können und sollen in uns sein: Maria und Marta. Ich wünsche mir und uns allen das Gleichgewicht zwischen Marta und Maria.
Herma Sutterlüty, Religionslehrerin und regionale Pfarrbegleiterin, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Egg im Bregenzerwald.