Vor fünf Jahren, am 1. August 1996, starb in Algerien Bischof Pierre Claverie durch einen Bombenanschlag. An den Mann des Dialogs mit dem Islam erinnert eine Biographie, die in Frankreich erschienen ist.
Mit der grausamen Genauigkeit eines Untersuchungsbeamten beschreibt Jean-Jacques Pérennès den Tod: „Um 22 Uhr 48 betreten Pierre und sein Fahrer Mohamed das Bischofshaus und schalten das Licht im Gang ein. Eine starke Explosion tötet beide auf der Stelle.“ Die Bombenleger wurden nie gefasst. Pierre Claverie durchlief einen für Algerienfranzosen typischen Wandlungsprozess. Wie viele seiner Landsleute, so gestand er einmal, wusste er bis in die sechziger Jahre hinein nichts über die mehrheitlich muslimische Bevölkerung Algeriens.
Kultur entdeckt
Man konnte sehr gut ein Kind von Bab el Oued sein, wo Pierre Claverie 1938 das Licht der Welt erblickte, und weder ein Wort Arabisch sprechen noch eine Ahnung von der Kultur des Hausmädchens haben. Die Erkenntnis kam später, ausgerechnet in Frankreich und nachdem er eine Zeit lang für die Sache der Algerienfranzosen Partei ergriffen hatte. Er verstand allmählich die Berechtigung des Unabhängigkeitskampfes, lernte Arabisch und entdeckte den Reichtum der anderen Kultur. Als Dominikaner bat Claverie um Erlaubnis, nach Algerien gehen zu dürfen. 1981 wurde er zum Bischof von Oran ernannt. Aus der Diözese mit kolonialen Strukturen formte er nach und nach ein Netzwerk kleiner und kleinster christlicher Kommunitäten. Er wurde ein Algerier aus Überzeugung. Die ersten Jahre galten als „glücklich“ und der junge Bischof brachte sich ohne Schwierigkeiten in den von Laien getragenen Entwicklungsprozess ein. Mutige WorteDer Autor, ebenfalls ein Dominikaner, beschreibt und analysiert aber auch, wie in diesen Jahren aus dem sozialistischen Regime allmählich die Diktatur einer militärischen Oligarchie wurde, deren einziges Ziel es war, den Reichtum des Landes auszubeuten. Den Aufstieg des islamischen Fundamentalismus beschreibt er als Antwort einer getäuschten und frustrierten Bevölkerung, wobei er dessen Führer als ebenso fanatisch wie machthungrig charakterisiert. Pérennès zeichnet die Gratwanderung des Bischofs von Oran in diesen schwierigen Jahren nach. Pierre Claverie sah die Kirche Algeriens auf den „Bruchlinien“ der Gesellschaft angesiedelt. Was könnte die kleine christliche Minderheit, größtenteils ausländischer Herkunft, in der muslimischen Mehrheit ausrichten? In Zeitungskommentaren legte der Bischof jedoch immer wieder Zeugnis ab von seiner Offenheit und seinem Mut. Trotz allem Respekt für die muslimischen Traditionen schwieg er nicht, wenn Fanatiker ein Regime mit Morden an Unschuldigen errichten wollten. Er spielte vielmehr in den Vermittlungsversuchen der römischen Basisgemeinde von Sant’Egidio eine Rolle, wo vergeblich ein Ausgleich gesucht wurde zwischen den Herrschenden und den in den Untergrund oder ins Ausland getriebenen Anführern der Islamisten. Als Christ im „Haus des Islams“ war Claverie überzeugter Anhänger des christlich-islamischen Dialogs. Aber er kannte dessen Herausforderungen und Grenzen, denn er lebte ihn. Das Buch geht deshalb auch auf sein spirituelles Leben ein. Ohne sein Gebetsleben ist dieser mutige Bischof weder in seinem Leben noch in seinem Sterben zu begreifen. Harald Schmautz
Jean-Jacques Pérennès: Pierre Claverie. Un Algérien par alliance. Vorwort von Timothy Radcliffe, Éditions du Cerf, 391 Seiten, 140 Francs (21,34 E).www.editionsducerf.fr