Analphabetismus, könnte man meinen, sei ein Problem der so genannten Entwicklungsländer. Doch auch in den Industrieländern ist dieses Phänomen gegenwärtig.
Gebrauchsanweisungen, Beipackzettel und Gesetzestexte sind für viele unverständlich, auch wenn sie in deutscher Sprache verfasst sind. Analphabet/innen können sogar Buchstaben und Wörter entweder gar nicht entziffern oder sie verstehen den Inhalt selbst einfacher Texte nicht. Das ist damit vergleichbar, dass für fast alle Menschen in Österreich japanische Schriftzeichen nicht zu lesen sind.Die Zahl der Analphabet/innen in Österreich wird auf etwa 300.000 geschätzt. Das sind vor allem Menschen mit „sekundärem“ oder „funktionalem“ Analphabetismus. Das bedeutet, die Betroffenen haben zwar in der Schule im Prinzip Lesen und Schreiben gelernt, haben aber diese Fähigkeiten im Laufe ihres Lebens wieder verloren oder können sie nicht in angemessener Weise nutzen.
In der Öffentlichkeit fallen diese Menschen nicht auf. Sie haben Strategien entwickelt, um eine unbeschädigte Identität vorzuspielen, also ihren „Bildungsmakel“ nicht zu zeigen. Aus Scham vermeiden sie neue, unbekannte Situationen: Sie gehen immer in die gleichen Lokale, wo sie die Speisekarte und die Preise kennen. Diese Menschen haben auch ein großes Repertoire an Ausreden: Sie möchten den Vertrag lieber zu Hause in Ruhe durchlesen oder sie hätten die Brille vergessen. Meist haben sie in ihrem engsten Umkreis Personen, die ihnen helfen. Diese Abhängigkeit nehmen sie jedoch in Kauf – die Angst, in der Öffentlichkeit für dumm gehalten zu werden, ist größer.
An Grenzen stoßen
Es kann aber zu Situationen im Leben von Analphabet/innen kommen, in denen ihnen ihre Verwandten und Freunde nicht mehr helfen können, ihren Mangel zu verbergen. Für manche beginnen die Schwierigkeiten beim Führerschein, denn die Inhalte der Lehrbücher müssen gelernt werden und bei der Prüfung am Computer liegen die Fragen schriftlich vor. Auch durch die Veränderung des Arbeitsmarktes ergeben sich Probleme. Es gibt nur noch sehr wenige Stellen für Hilfsarbeiter, Lesen und Schreiben wird vorausgesetzt. Wer einmal seine Arbeit verliert, findet nur sehr schwer Ersatz.
Das Projekt „Alpha“
Zu Beginn dieses Jahres wurde vom Berufsförderungsinstitut (BFI) das Projekt „Alpha“, das vom Land Oberösterreich finanziert wird, ins Leben gerufen. Ziel ist es, die Bevölkerung zu sensibilisieren und die Menschen mit mangelnden Kenntnissen im Lesen und Schreiben dazu zu bewegen, sich zu informieren und etwas dagegen zu tun. Die Projektleiterin Monika Pramreiter berichtet, dass zur Zeit 25 Personen am Projekt teilnehmen, vom Jugendlichen bis zum 60-Jährigen. Die Vorkenntnisse sind sehr unterschiedlich – manche kennen keine Buchstaben, andere haben das Lesen und Schreiben wieder verlernt. Deshalb sind Einzelförderungen oder Kleingruppen notwendig. Ebenso wird an der Erstellung eines Computer-Lehrprogrammes speziell für Erwachsene gearbeitet.Einen großen Erfolg hat das Projekt Alpha schon zu verzeichnen: Ein Familienvater kann nun seinen Kindern vorlesen. Er war von Anfang an dabei und ist mit dem Projekt und sich selbst sehr zufrieden. Der erfolgreiche „Schüler“ hat an die Abteilung im BFI sogar einen Brief geschrieben. Da es vielen Analphabet/innen schwer fällt, selbst den Schritt zur Veränderung zu wagen, brauchen sie die Unterstützung von Verwandten und Freunden. Informationen über die Möglichkeiten im Rahmen des Projektes „Alpha“ gibt es unter der Telefonnummer 0732/69 22-5429.Durch die Alphabetisierung wird nicht nur erreicht, dass die betroffenen Menschen nun Fahrpläne und Telefonbücher lesen und an politischen Entscheidungen teilnehmen können, ihre ganze Lebenssituation ändert sich, sie können selbstbewusst am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.