Ausgabe: 2001/30, Sonntag, Sutterlüty, Religion, Beziehung, Leben
26.07.2001
Jesus lehrt beten! Es ist ein sehr dichtes Gebet, das er seinen Jüngern und uns gelehrt hat: das Vaterunser! Betrachten wir dieses Gebet als Begegnungsgeschichte, dann hat die Geschichte ein klares Muster: Liebevolle Anrede, wertschätzende, achtende Worte, vertrauende Bitte für die täglichen Sorgen und den Umgang mit unserer Schuld. Das Vaterunser ist wie eine Beziehungsgeschichte Gottes mit uns. Und wenn wir dieses Gebet sprechen, so können wir uns immer wieder neu auf diese Beziehung einlassen.
So hat es auch Jesus gemeint. Er beginnt mit der Anrede abba. Die Anrede Vater, aramäisch „abba“, ist typisch für das Gottesbild Jesu. Gott offenbart sich als zärtlich liebender Vater. Es drückt die Beziehung zu Gott als liebenden, zärtlichen Vater aus. Wen reden wir zärtlich, liebevoll an? Den, den wir lieben, zu dem wir eine Beziehung haben wollen und dürfen! Und den schätzen und achten wir und reden große Dinge über ihn. Im Gebet sagen wir dies so: geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe …
Ist dies nicht wie in jeder menschlichen Begegnung? Die Art, wie wir grüßen und einander begegnen, wie wir voneinander reden, ist Ausdruck genug für die Beziehung. Danach scheint es nur logisch zu sein, dass ich mich mit meinen Sorgen um die täglichen Dinge an mein Gegenüber – an abba – Vater wenden darf. Auch mein Umgang mit meiner Schuld und mit meinen Verletzungen hat in dieser Beziehung Platz. „Und vergib uns unsere Schuld“, beten wir. Halten wir uns wieder vor Augen: Jesus lehrte dieses Gebet. Und für Jesus war Beten ein in-Beziehung-Treten mit seinem Vater. Wenn danach vom Freund die Rede ist, der um Mitternacht die Tür öffnet, so soll nochmals spürbar sein: Gott öffnet auch in der Nacht, in deiner ganz persönlichen Nacht und Finsternis die Tür.
Eine Frage hat mich besonders beschäftigt: wie wächst Jesus hinein in diese Beziehung zu Gott? Ist seine Gottessohnschaft da genug? Die Umgebung, in der Jesus aufwächst, hat eine große Tradition: Der junge Jesus betet schon das Gebet aus der Tora: „Höre Israel“ mit seinem Vater, so wie heute jüdische und christliche Kinder einfach mitbeten, sofern es noch praktiziert wird. Jesus lernt die Weisungen Gottes praktisch im konkreten Leben seiner jüdischen Familie. Da diese Familie von morgens bis abends eingeordnet ist in eine religiöse Praxis, lernt er sie im ganz normalen Lebensvollzug. Und er lernt sie auswendig. Wenn wir das Vaterunser als Beziehungsgeschichte sehen, dann ist es gut, wenn wir es auswendig (besser inwendig) können, und es ist auch gut, wenn unsere Kinder in diese Tradition hineinwachsen können, dass es auch für sie zu einer Beziehungsgeschichte wird …