Sie sehen es als ihre Aufgabe, selber ganz vorne zu stehen. Denn dort haben katholische Priester in Nordirland schon oft ihr Verhandlungsgeschick unter Beweis stellen können.
In der Zeit protestantischer Paraden in Nordirland stehen sie wieder in der vordersten Linie. Nicht nur die Polizisten in Kampfuniform, sondern auch katholische Priester im Kolar. Denn in der Unruheprovinz sind es oft Pfarrer, die in der aufgeheizten Stimmung das Schlimmste verhindern. Dass ihre Verhandlungsbemühungen auch auf protestantischer Seite ernst genommen werden, das war nicht immer so. Einer von ihnen ist Mattew Wallace. Der gebürtige Ire war lange Zeit Pfarrer im berüchtigten West-Belfast. An seine erste Probe und „wahrscheinlich schlimmste Situation“ erinnert sich der Priester: Es war das Begräbnis von Joe McDonnell im Juli 1983, der bei einem Hungerstreik im Gefängnis gestorben war.
Gewehrkugeln am Friedhof
Bis zu jenem Begräbnis hatte es die britische Armee toleriert, dass eine maskierte IRA-Formation am Friedhof erschien, um über dem offenen Grab des Kameraden Ehrenschüsse abzufeuern. „Dieses Mal aber kam eine militärische Spezialeinheit, um die IRA-Leute festzunehmen. Und schon flogen Steine und Gewehrkugeln“, erzählt der Priester. „Irgendwie bin ich durchgekommen, habe es geschafft mit dem Militär zu verhandeln und das Problem zu lösen.“Wäre er nicht dabei gewesen, meint Pfarrer Wallace rückblickend, „wäre die Situation sicher eskaliert.“ Ein Ereignis, das ihn für später vorbereiten sollte. Selbstkritisch meint er: „Ich weiß nicht, ob ich in dieser Situation spezielle Fähigkeiten bewiesen habe oder ob ich die richtigen Antworten auf das hatte, was gerade geschehen war. Aber ich hatte gelernt, den Menschen zuzuhören. Und ich finde, es ist immer wieder erstaunlich, was ich tun konnte.“
Wo sind die Pastoren?
Für katholische Priester wie Mattew Wallace in Nordirland ist es selbstverständlich, auf protestantischer Seite jedoch sind Pastoren nur selten ganz vorne anzutreffen. Wallace kennt zwei Gründe, warum das so ist: „Viele leben nicht in ihrer Pfarre oder dort, wo sie Gottesdienst feiern. Oft leben sie bis zu 15 Kilometer entfernt. Und das ist für sie und die Gläubigen ganz normal. Im Gegensatz zu uns katholischen Priestern sind sie in der Gemeinde nicht so verwurzelt. Andererseits sind nicht alle Protestanten von einer einzigen Kirche. Es gibt Methodisten, die Kirche von Irland und andere Gruppen. Und da gibt es manchmal auch Rivalitäten.“Im Laufe der Jahre hat sich aber vieles verändert. Denn die Tatsache, „dass Pastoren nicht gekommen sind, um aufgeheizte Situationen abzukühlen, haben auch Protestanten wahrgenommen.“ Heute haben religiöse Führer der protestantischen Seite, so berichtet der Mattew Wallace, „das bereitwillig angenommen. Ja, sie gestehen, dabei von uns Katholiken viel gelernt zu haben.“
Klima verbessert
Obwohl es immer wieder Konflikte auf der Straße gibt, die größte Zahl der Auseinandersetzungen sind verschwunden. Pfarrer Wallace führt das auf ein neues Verständnis und eine neue Sichtweise zurück, die in Nordirland gewachsen ist. Überhaupt gibt es viele Anzeichen, dass Protestanten und Katholiken außerhalb der Ulster-Versammlung zusammenarbeiten. Auch wenn Schlagzeilen immer wieder den gegenteiligen Eindruck vermitteln.
Faszinierende Entdeckung
„Im Unterschied zum protestantischen Klerus haben mich die alltäglichen Probleme in meiner Pfarre näher zu den Menschen gebracht“, meint auch James Donaghy. 16 Jahre war er in einem sozial und wirtschaftlich schwer benachteiligten Viertel seiner Heimatstadt Belfast Pfarrer. Dort stellte der 43-Jährige ein Beschäftigungsprogramm auf die Beine. Denn „wenn die Leute eine Arbeit haben, dann geraten sie weniger leicht in eine paramilitärische Organisation.“ James Donaghy bemühte sich um Kontakte zu protestantischen Kollegen. Im Gespräch über die Arbeit machten sie die „faszinierende Entdeckung“, dass ihre Erfahrungen sehr ähnlich waren. „Wie auch immer, sie bemerkten, dass wir Katholiken uns viel schneller bewegten und viel mehr erreicht hatten. Und unsere protestantischen Kollegen wollten von uns wissen, wie wir die sozialen Probleme angepackt und wie wir das Beschäftigungsprogramm organisiert hätten. Diese Erfahrungen haben sie dann in ihren eigenen Gemeinden umgesetzt.“
Kurse für PolizistenIn der Zeit, die James Donaghy unter den streitenden Fraktionen verbrachte, wurde seine Anwesenheit oft als Ursache des Problems betrachtet und nicht als Lösung. „Gewiss, wenn dich jemand gesehen hat, hieß es sofort: ,Da ist er ja – das haben wir ja schon immer gewusst!‘“Langsam haben seine Bemühungen aber Frucht getragen. Der Priester wurde selbst von jenen ernst genommen, die als die größten Feinde der Katholiken gelten – den Royal Ulster Constabulary (RUC). Donaghy wurde gebeten, für diese Polizisten einen Kurs anzubieten, damit sie den Katholizismus besser verstehen. „Die Unwissenheit über uns Katholiken war unglaublich“, meint der Pfarrer. Und schmunzelnd erzählt er: „Einmal fragte mich einer der Polizisten – und er hat es ernst gemeint – an welchem Tag mir der Papst meine Predigt schickt.“