Ausgabe: 2001/31, Francis, Radio Veritas, Liberia, Medien
31.07.2001
Erzbischof Francis ist leidenschaftlicher Radiomacher. Das von ihm geleitete „Radio Veritas“ wird von 80 Prozent der Bevölkerung in Liberia gehört. Gegenüber der Kirchenzeitung warnt Francis vor der Diktatur der Medien.
Sie sind überzeugt, dass „Radio Veritas“ mithilft, die Gesellschaft in Liberia aufzubauen. Ja, es könne sogar die Gedanken der Menschen verändern. Warum?
Francis: Davon bin ich überzeugt, weil unser Radio – wie es der Name sagt –, der Wahrheit verpflichtet ist. Wir benutzen die Möglichkeiten des Radios für das Gute, indem wir objektiv berichten und die Rechte eines jeden Einzelnen respektieren. Wie Radio Gedanken verändert? Die Kleidung, die Sie jetzt tragen. Warum haben Sie diese ausgesucht? Das Essen, das Sie zu sich nehmen, ist das nicht schon x-mal in der Werbung durchgekaut worden – dieses ist gut und jenes ist gut.
Das heißt, die Massenmedien kontrollieren jeden Einzelnen. Einige wenige manipulieren Millionen, vom Studio aus orchestrieren sie die Werbung. Sie können dir sagen, was du essen, anziehen oder wohin du gehen sollst. Wer und besonders wie dieser und jener ist. Das ist die Diktatur der Massenkommunikation. In vielen entwickelten Gesellschaften, das bin ich überzeugt, sind die Menschen nicht so frei wie sie meinen frei zu sein. Von morgens bis abends werden sie bombardiert mit Nachrichten. Aber sie können nicht sagen, ob diese der Wahrheit entsprechen oder nicht. Denn sie haben keine Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Denn wir erleben ja, wie Medien es diktieren, ob ein Krieg stattfindet oder nicht, ob jemand Präsident wird oder nicht, ob Leute vor Gericht gestellt werden oder nicht.
Oder ob es einen ganzen Kontinent wie Afrika gibt oder nicht.
Francis: Ja, das hat politische, ökonomische und soziale Hintergründe. Das Einzige, das Europäer überhaupt aus Fernsehen und Zeitung erfahren, ist, dass in Afrika sich ständig unmenschliche Dinge ereignen – Kriege, Hunger, das Aids-Problem oder Korruption. Denn das ist die „dunkle Seite“, und die spricht den tierischen Instinkt der Menschen an. Aber das viele Gute, das bei uns auch geschieht, das hört in Europa leider niemand.
Und selbst Kriege werden nur dann wahrgenommen, wenn sie besonders grausam sind. Warum wird über Hintergründe kaum berichtet?
Francis: Das ist unser Problem. Der Krieg in Liberia, bei dem zehn Prozent unserer Bevölkerung getötet wurde, ist von US-amerikanischen und europäischen Medien kaum wahrgenommen worden. Oder die 15 Millionen Flüchtlinge in Afrika – sie existieren für diese Unternehmen nicht! Dass die Hintergründe kaum aufgezeigt werden, hängt auch damit zusammen, dass Afrika von den großen internationalen Konzernen kontrolliert wird. Ihr Interesse ist es, das zu bekommen, was es in Afrika zu holen gibt. Ein gutes Beispiel ist Sudan. Der Krieg ist nützlich für die Erdölförderung. Aber wer versorgt die Leute mit Waffen? Im Norden heißt es nur, wir Afrikaner würden wieder etwas tun, was unmenschlich ist.
Trifft das Informationsmonopol des Nordens auch Afrika?
Francis: Ja, unsere Informationen erhalten wir fast ausschließlich aus der „Ersten Welt“ – von CNN und BBC. In Monrovia weiß ich deshalb mehr darüber, was sich in Mazedonien ereignet oder was die EU in Brüssel beschließt. Jedoch was sich vor unserer Haustüre ereignet, in der Elfenbeinküste beispielsweise, erfahren wir nicht. Das ist unsere größte Schwierigkeit: adäquate Informationen zu erhalten. Das Schwierigste ist es, Nachrichten zu bekommen, was sich im Rest von Afrika wirklich ereignet.
Interview: Walter Achleitner
HINTERGRUND
Mission und Medien
„Auf Sendung sein. Mission – Kommunikation – Medien“ lautete die einwöchige Veranstaltung, zu der Missio Austria, der Evangelische Arbeitskreis für Weltmission und die österreichischen Missionsorden eingeladen hatten. Mit theologischen Anmerkungen zur Kommunikation im neuen Jahrtausend eröffnete P. Franz-Josef Eilers aus Manila (Philippinen) die Tagung. Auf 20 Jahre Radioerfahrung blickte Erzbischof Michael Francis zurück. „Radio Veritas“, das erste katholische Radio Afrikas, war während des Bürgerkrieges in Liberia der einzige funktionierende Sender. „Wir wollen die negative Lebenseinstellung in unserem Land verändern“, sagt Francis. Jeden Sonntag erreicht der Erzbischof die meisten Hörer. Wenn direkt aus Monrovia der Gottesdienst übertragen wird, feiern über 500.000 an den Radiogeräten mit. Auch in Lateinamerika haben kirchliche Radios entscheidend zur Stärkung der Demokratie beigetragen, berichtete Christoph Dietz, Referent des katholischen Medienrates in Aachen. „e-presence“: Strategien der Kommunikation angesichts neuer Medien war das Thema von Ursula Maier-Rabler. Wichtig sei, so die Internet-Expertin von der Uni Salzburg, „die echte Bereitschaft, Informationen zu teilen.“ Und der Theologe und Publizistikprofessor Thomas Bauer mahnte, Mission müsse Dialog sein und sich nicht nur auf Informationsverteilung beschränken.