Die „3. Welt“ als Schauplatz von Chaos und Gewalt. Der ORF verstärkt mit seiner Auswahl an Fernsehbildern dieses Vorurteil, wie eine Studie nun deutlich macht.Geht es nach dem ORF-Fernsehen, so ist das Bild von der so genannten „3. Welt“ sehr einseitig. Denn sie wird gezeigt als „unbegreifliche exotische Gegend, in der sich vor allem gewalttätige, irrationale Konflikte abspielen und Naturgewalten regelmäßig Katastrophen auslösen“, meint Ralf Leonhard. Zu diesem Ergebnis kommt der Journalist, nachdem er die aktuelle ORF-Berichterstattung aus drei Monaten des vergangenen Jahres, insgesamt 126 gesendete Stunden, analysiert hat. Finanziert wurde die neue Studie von den Bundesländern Niederösterreich und Steiermark.Afrika, Asien und Lateinamerika, wo drei viertel der Weltbevölkerung leben, werden vom heimischen Fernsehen nur am Rande wahrgenommen. Schafft es dennoch ein Ereignis ins Fernsehen, dann liegt der Grund in einem der drei „K“: Kriege, Krisen und Katastrophen sind es, worüber acht von zehn Beiträgen berichten. „Bei der Themenauswahl überwiegt die Sensationslust“, fasst Leonhard gegenüber der Kirchenzeitung die Studie zusammen. „Es fällt auf, wie viele Ereignisse und Entwicklungen, die in anderen Medien Schlagzeilen gemacht haben, nicht berichtet wurden.“
Orientierung als Ausnahme
„Nichtkriegerische Entwicklungen werden kaum verfolgt“, urteilt der Autor der Studie über die Nachrichtensendungen Zeit im Bild 1, ZiB 2 und ZiB 3. „Und selbst Bürgerkriege müssen ein besonders dramatisches Niveau erreichen oder sich durch hohen Blutzoll auszeichnen, um wahrgenommen zu werden.“ Deutlich wird, wie sehr der Sender vom Informationsangebot weltweiter Nachrichtenagenturen abhängt.Einzig die ebenfalls untersuchten Religionsprogramme des ORF bemühen sich konsequent um eine weniger auf Europa zentrierte Weltsicht. Die Orientierung (Sonntag, 12.30 Uhr) bringt demnach nahezu jede Woche Beiträge und vor allem Hintergründe zu Ländern des Südens. Im Vergleich dazu scheint die Auswahl der Themen in den politischen Magazinen (Thema, Report International, Brennpunkt und Am Schauplatz) „oft zufällig, ihr Inhalt ist häufig anekdotisch“, so Leonhard.
Bild macht Nachricht
Dass Brasilien während der beobachteten drei Monate im ORF-Fernsehen überhaupt vorgekommen ist, verdankt das fünftgrößte Land der Erde dem Zufall: Anlass war eine Geiselnahme in Rio de Janeiro, bei der das Opfer erschossen wurde. Ein an und für sich alltäglicher Zwischenfall in der brasilianischen Metropole. Dass zufällig ein Amateurvideo zeigt, wie der augenscheinlich durch Drogen aufgeputschte Geiselnehmer seinem verzweifelten Opfer die Pistole in den Mund steckt, hat das Ereignis in die Nachrichten gebracht.
ZUR SACHE
Menschenwürde medial verletzt
Übernehmen die Medien von heute die Schöpfermacht Gottes? Dieser Frage ist der Innsbrucker Pastoraltheologe P. Franz Weber angesichts der Millionen von Armen und Ausgeschlossenen im Süden der Welt nachgegangen. Im Rahmen der Internationalen Studientagung „Auf Sendung sein“ von Missio Austria, den Missionsorden in Österreich und dem Evangelischen Arbeitskreis für Weltmission sagte Weber:
„Für den Einsatz der Medien in der missionarischen Bewusstseinsbildung relevant ist vor allem auch die Warnung vor einer medialen Verletzung der Menschenwürde. Wenn es nur mehr die Medien sind, die „Menschen ins Dasein rufen“, das heißt darüber entscheiden, ob Millionen von Armen und Ausgeschlossenen im Süden überhaupt wahrgenommen werden oder nicht. Wenn Nachrichten über sie nur dann an die Weltöffentlichkeit dringen dürfen, wenn dies ganz bestimmten Interessen der Wirtschaft, eines Regimes oder einer Regierung nicht widerspricht – dann ist Widerspruch gefordert.
Welche Folgen wird es haben, wenn kommerzielle Mediensysteme immer stärker die Übermacht gewinnen und der ursprüngliche Bildungsauftrag durch einen Unterhaltungsauftrag ersetzt wird? In solchen Programmen wird der Arme nicht mehr als Gesprächspartner wahrgenommen, sondern zum exotischen Unterhaltungsobjekt degradiert. Und weil das in gewissen Sendungen zum guten Ton gehört, als Almosenempfänger auch medial vermarktet. Was hat kirchliche Medienarbeit einer solchen menschenunwürdigen Mitleidhascherei entgegenzusetzen, die sich mit dem schönen Mäntelchen der caritativen Wohltätigkeit umgibt?“