Irritation, Verunsicherung oder was löst dieses Evangelium aus? Die Rede passt so schlecht in das überlieferte Bild von Jesus und die daraus abgeleiteten Verhaltensnormen für ChristInnen. Anstelle von Friede, Nächstenliebe und Harmonie gibt es Worte wie Entzweiung, Feuer werfen und Brand. Jesus werden Worte zugeschrieben, in denen er sich als Brandstifter deklariert. Im Hintergrund des Textes ist die lukanische Gemeinde anzunehmen, die ihre Erwartung in das messianische Projekt enttäuscht sieht. Dieses Projekt erwartet einen Messias, der Frieden bringen wird. Denn so ist z. B. bei Jesaja 9, 6 zu lesen: „Seine (des Messias) Herrschaft ist groß, und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten.“
Dieser erwartete Zustand hat sich jedoch für die ChristInnen damals nicht eingestellt. Auf die Frage, warum es immer noch Streit und Zwietracht gibt, antwortet der lukanische Jesus einfach: Ihr habt mich falsch verstanden. Noch ist die Zeit für den Frieden nicht gekommen, denn vorher ist die Zeit der Entscheidung. Zuerst wird die Bedrängnis noch wachsen, die eine klare Positionierung von Menschen fordert. Sind sie für oder gegen mich, für oder gegen diesen Gott?
Die Gemeinde erfährt, dass die Zeit des Aufatmens und des Zurücklehnens noch nicht gekommen ist. Im Gegenteil vermehrt die Botschaft Jesu die Konflikte. Spaltung und Unfriede werden sich ausbreiten bis hinein in die engere Familie. Dieses geschilderte Zerwürfnis bildet beim Propheten Micha den Höhepunkt in der Beschreibung eines gesellschaftlichen Desasters. Es gibt keinen friedlichen Bereich mehr. Der Unfriede einer Gesellschaft erfasst sogar den Bereich der Geborgenheit. Es geht an die Basis menschlicher Verhältnisse.
Diese Rede korrigiert Erwartungen und unterstreicht die Schärfe der Botschaft Jesu. Ein neues Kampffeld wird dadurch eröffnet. Entstanden neben anderen Heilsbotschaften verlangte und verlangt die Botschaft Jesu eine klare Entscheidung und eine unbedingte Nachfolge. Sie fordert heraus, sich mit Gegebenheiten nicht abzufinden und in dieser Welt die Spur des befreienden Gottes zu ziehen. Harmlos ist sie in der vorgefundenen Welt nicht, sondern anstößig und Ärgernis erregend. Und sie steht in Konkurrenz zu anderen Gesellschaftsentwürfen. Diese Dynamik ist ihr eingeschrieben. Ihre Brisanz und Schärfe zu bewahren oder das Feuer am Brennen zu halten und sie gegen Missbrauch zu schützen ist Aufgabe der AnhängerInnen.
Christina Spaller arbeitet als Religionslehrerin und lebt in Linz.