Die Frage nach einer christlichen Identität ist angesichts der sich verändernden Verhältnisse bleibend aktuell und steht auch im Hintergrund des Evangeliums. Die weisheitliche Aussage über den geschichtlich agierenden Gott Israels und eine Darstellung über die Wirkweise des Glaubens am Beispiel der Erzeltern führen zum Thema hin. Glaube bedeutet Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht. Sichtbares und Unsichtbares, die gegebene vorläufige Welt und die erhoffte zukünftige Welt stehen einander gegenüber und bestimmen auch die Aussagen des Evangeliums. Der Text wendet sich an die lukanische Gemeinde, in der die Verzögerung der Wiederkunft des Messias und des Kommens eines neuen Himmels und einer neuen Erde Fragen nach der rechten Haltung von ChristInnen aufwirft. Anlass des Textes könnte Laschheit sein, die sich in der Gemeinde eingeschlichen hat. Vielleicht waren einige enttäuscht, oder die anfängliche Begeisterung war abgeflaut, oder andere meinten, es wäre einfacher, sich den Regeln dieser Welt anzupassen.
Die Antwort des Evangeliums ist deutlich. Eingeleitet durch Sprüche zur kleinen Herde und der wahren Schatzbildung folgt ein Aufruf zur Wachsamkeit an alle, da in jedem Moment die neue Zeit anbrechen kann. Denn das Bestehende ist nur vorläufig und das Kommende sicher. Unabhängig wie lange das Eintreffen des Neuen noch dauern wird, liegt es an den ChristInnen, sich nicht von diesem Heimweh nach der anderen, besseren Welt abbringen zu lassen und nicht in die bestehenden Verhältnisse hineinzustolpern. Es heißt: seid wachsam, verwickelt euch nicht zu sehr in die Machenschaften dieser Welt, lasst euch den Blick auf das Größere nicht verstellen oder Vorläufigkeiten über euch Macht gewinnen.
Der Gemeindeleitung kommt eine besondere Aufgabe zu. Jesus vergleicht sie mit einem Verwalter. Dieser galt damals als Bevollmächtigter seines Auftraggebers. Eine Übereinstimmung beider wurde vorausgesetzt. Doch dieser Vertretungsanspruch galt nicht bei rechtswidrigen Handlungen. Der Makel dieser haftete alleine am Verwalter. Zwei Bilder werden gezeichnet. Hier – der treue Verwalter, der jenen, die von ihm abhängig sind, zur rechten Zeit ihre Nahrung gibt. Diese Tätigkeit wird in Ps 104, 27 Gott zugesprochen. Der Verwalter erweist sich als guter Stellvertreter. Dort – agiert der andere Verwalter gegen den Willen seines Auftraggebers. Er behandelt sein Gesinde schlecht und lebt im Überfluss. Der eine wird von Gott belohnt, der andere wird entlassen. Gott hat ihnen eine besondere Verantwortung übertragen. Wer diese nicht in seinem Sinn wahrnimmt, muss gehen und wird aus der Gemeinde der Gläubigen ausgeschlossen.
Christina Spaller arbeitet als Religionslehrerin und lebt in Linz.