Frauen, die ihre Rechte kennen und sie in wirtschaftliche Besserstellung ummünzen. „Wir müssen darum kämpfen“, meint Georgette Koala. Ihre Initiative in Burkina Faso wird von der Caritas unterstützt.
Hauptverkehrszeit in Ouagadougou, Hauptstadt des westafrikanischen Burkina Faso. Selbstbewusst thronen Frauen auf Fahrrädern, Mopeds und Mofas. Ihre bunten Gewänder flattern im Fahrtwind. Nicht nur Einkäufe und Kinder, oft auch Ehemänner finden auf dem Rücksitz Platz. Ein ungewohnter Anblick für ein Land, wo Männer immer noch das Steuer fest in der Hand zu haben scheinen. Geht es den Frauen in Burkina Faso besser? Auf den ersten Blick ja, meint Georgette Koala. Sie ist Gründerin und Präsidentin der Vereinigung „Pengdwendé“ – zu deutsch: „Wir loben den Herrn“. Die gestandene Mittfünfzigerin mit freundlichen, aber sehr energischen Augen hat es sich zum Ziel gesetzt, die Situation der Frauen zu verbessern. „In den Städten hat sich in den letzten Jahren viel getan“, gesteht sie der Regierung zu. Staatliche Gesundheitsprogramme, Familienplanung, Sozialgesetzgebung und der Kampf gegen Polygamie und Klitorisbeschneidung haben die Position der Frauen entscheidend gestärkt. Der Zugang zur Schulbildung ist jedoch für Frauen immer noch sehr viel schwieriger als für Männer. Auf dem Land tragen fast ausschließlich Frauen die Last der Verantwortung für den Unterhalt der Familien. „In den Dörfern“, konstatiert Madame Koala erbost, „machen die Frauen allein fast alles für die Kinder. Die Männer, egal ob Moslems oder Katholiken, betrachten das traditionell nicht als ihr Problem. Ihre Einkünfte geben sie vor allem fürs Vergnügen und für Getränke aus!“
Ohne Papiere
Die starke Belastung der Frauen hat schwere Auswirkungen auf die Gesundheit. Sie altern schneller. Die häufige Abwesenheit der Männer zur Wanderarbeit bringt ein erhöhtes Risiko der Aids-Ansteckung für die Frau mit sich. Doch sie führt kaum zu ihrer größeren Selbständigkeit, da sie weiter der strengen Kontrolle der Großfamilie unterworfen ist. „Frauen haben keine Stimme. Die meisten haben keinerlei Ausweise. Es ist, als wenn sie gar nicht existieren würden. Frauen sind der Macht der Männer und Familienoberhäupter ausgeliefert.“ Oft werden sie geschlagen, sehr jung und gegen ihren Willen verheiratet. Stirbt der Ehemann, müssen sie den Bruder oder Cousin heiraten. Verweigern sich Mädchen oder Witwen der Zwangsehe, werden sie nicht selten für immer aus dem Familienverband ausgeschlossen. Sie werden verjagt, verlieren ihre Kinder und ihre gesamten Eigentumsansprüche. Ähnliches passiert, wenn Frauen die Beschneidung ihrer Töchter verweigern. Die Straf- und Familiengesetzgebung gibt ihnen zwar Recht, die meisten Frauen auf dem Land wissen jedoch so gut wie nichts über ihre Rechte und „ihre Möglichkeit, nein zu sagen“.
Mithilfe einfordern
Mit anderen Frauenorganisationen kümmert sich „Pengdwendé“ in erster Linie um ordentliche Papiere für Frauen, die so einen rechtlichen Status erhalten. „Informierte Frauen“, ist Koalas Erfahrung, „haben den Mut, mit ihren Männern zu sprechen und mehr Engagement für die Familie einzufordern. Wollen die Männer das nicht verstehen, dann können sie sich beim Sozialamt und beim Arbeitgeber beschweren!“ In den Städten funktioniert es bereits, dass bis zu 50 Prozent des Gehaltes einbehalten und an die Frau ausbezahlt werden. „Die Männer geben nach, wenn die Frauen nur lange genug darauf bestehen“, weiß Madame Koala: „Aber die Frauen brauchen auch ein eigenes Einkommen, um Respekt und Mithilfe einfordern zu können!“ Damit die Frauen eigenes Geld verdienen, unterstützt „Pengdwendé“ zahlreiche Frauengruppen beim Gemüseanbau und der Vermarktung von Obst und Gemüse, bei Alphabetisierungskursen und Kleinkrediten. Nutznießer sind bereits an die 2800 Menschen – großteils, aber nicht ausschließlich Frauen – in 40 Gruppen. Finanziert werden die Projekte aus eigenen Mitteln, von internationalen Organisationen und der Caritas Österreich.
Rechte ummünzen
Unter Madame Koalas kunstvoll gewickeltem Turban entstehen bereits nächste Projekte. Bei den Fixkosten soll „Pengdwendé“ von ausländischer Unterstützung unabhängig werden. Fünf Hektar fruchtbares Land können gepachtet und mit Mais bepflanzt werden. Bereits nach einem Jahr, so rechnet die Initiatorin vor, kommen die Investitionen von 120.000 Schilling wieder herein und trägt sich das Projekt selbst.Frauen, so Georgette Koalas Traum, sollen ihre Rechte kennen und sie in wirtschaftliche Besserstellung und Unabhängigkeit ummünzen lernen. Und sich weigern, von den Männern als Spielbälle ihrer Machtpolitik missbraucht zu werden.
Hintergrund:
„Es tut mir im Herzen weh“Vor zehn Monaten besuchte Georgette Koala Österreich. Auf Einladung von Tiroler Frauen und der Caritas informierte sie im Rahmen des Weltfrauenmarsches über Burkina Faso. Spricht sie über ihre Erinnerungen, dann schwankt sie zwischen Bewunderung für das, was Frauen in Österreich erreichten, Dankbarkeit und schmerzlichem Unverständnis. „Die Menschen haben mich so freundlich aufgenommen. Sie hatten aber keine Ahnung von der Situation bei uns und konnten einfach nicht glauben, dass es so etwas wie Klitorisbeschneidung in unserem Land noch gibt.“ Viele ihrer Gesprächspartner, besonders Frauen, haben ihr spontan Hilfe versprochen. Rückblickend hat sie den Eindruck, dass die Leute in Österreich „viel einsamer und sozial teilnahmsloser sind als in Burkina. Es gibt so viele schöne Kirchen, man trifft dort aber nur Alte und Kinder, kaum aber junge Leute. In den Kirchen benehmen sich die Menschen wie Touristen, kaum jemand betet“, meint die gläubige Katholikin. Am meisten aber bewegt sie, dass sich in Österreich so viele Menschen – auch Frauen – das Leben nehmen, „obwohl es ihnen doch so gut geht.“ Georgette Koala: „Es tut mir im Herzen weh. Wir sind sehr arm, aber die Hoffnung verlieren wir nie!“