„Abwerbung vom Islam“ wirft die afghanische Religionspolizei den verhafteten Mitarbeitern von „Shelter Now“ vor. Westliche Diplomaten hoffen auf eine „humanitäre Geste“.
Sie bauen Notunterkünfte und kümmern sich um Flüchtlinge. Seit Jahren ist die christliche Hilfsorganisation „Shelter Now“ in Pakistan tätig. In Peschawar wurden 6700 Lehmhütten für jene errichtet, die dem islamischen Gottesstaat den Rücken gekehrt haben. Eine Suppenküche und eine Bäckerei helfen das Elend der hunderttausenden afghanischen Flüchtlinge zu lindern. Seit vergangenem Jahr waren die christlichen Helfer auch in Afghanistan selber tätig. Es war ausgerechnet Sonntag, als vergangene Woche die afghanische Religionspolizei diese christlichen Helfer festnahm. Die vier Deutschen, zwei US-Bürger, zwei Australier sowie ihre 16 afganischen Mitarbeiter stehen unter dem Verdacht, für das Christentum missioniert zu haben. Und auf „Abwerbung vom Islam“, so die Koranauslegung der herrschenden Taliban, stehe die Todesstrafe. Nach der Festnahme erklärte in Kabul der stellvertretende Minister für „Verhütung des Lasters und Förderung der Tugend“, Mohammad Salim Hakkani, es seien Bibeln und 7000 Video- und Tonbänder mit religiösem Inhalt entdeckt worden. Das Material sei in den Landessprachen Dari und Pashtu verfasst.
Esteban Witzemann, der Sprecher von „Shelter Now“ im pakistanischen Peschawar bestätigte, dass die Festgenommenen Bibeln bei sich hatten. Diese seien jedoch nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt gewesen. Die Organisation würde keine christlichen Schriften verteilen. Vielmehr gehe es den Taliban lediglich darum, so Witzemann, dass „das, was wir tun, in Misskredit gebracht wird und die eigentliche Hilfe für die Leute nicht ankommen soll“.
Ein Visum für Afghanistan ist westlichen Diplomaten, die deutsche Botschaft in Kabul ist seit 1989 geschlossen, auch am siebten Tag nach der Verhaftung ihrer Staatsangehörigen nicht erteilt worden. Wenn es auch zu einer „humanitären Geste“ für die acht Christen kommen sollte, das Schicksal der 16 Afghanen ist völlig ungewiss.
Konkret
Von Afghanistan nach Österreich
„Unserem Mitarbeiter in Kabul geht es gut. Und bisher gibt es keine Probleme mit dem Flug. Wir erwarten am 16. August zwölf Kinder aus Afghanistan zur medizinischen Behandlung in Österreich“, sagt Thomas Wöhrer von Friedensdorf International. Der im Februar geplante Transport war von der Taliban-Regierung 48 Stunden vor Abflug gestrichen worden. Stattdessen brachte die Maschine der Afghanistan Airlines Pilger nach Mekka. Mit erheblichem Verhandlungsgeschick, der UN-Weltsicherheitsrat musste wegen der Sanktionen eine neuerliche Flugerlaubnis erteilen, konnten drei Wochen später 70 Kinder aus Kabul nach Deutschland gebracht werden. 14 wurden in österreichischen Spitälern behandelt. Davon kehren nun zwölf wieder genesen in ihre Heimat zurück. Für ein Mädchen und einen Burschen sind die Behandlungen leider noch nicht abgeschlossen.
„Auch bei uns hat es schon eine Zeit gegeben, in der Menschen für Dinge verurteilt wurden, die ihnen andere angedichtet haben“, meint Dr. Michael Schodermaier, Obmann von „Friedensdorf International“ in Österreich. „In dem Augenblick, wo man nicht als fundamentalisti-scher Moslem den Gottesstaat betritt, bringt man schon ein anderes Gedankengut ins Land“, sagt der Mediziner. 1990 hat Schodermaier erstmals afghanische Kinder zur Behandlung nach Österreich gebracht. „Es herrscht panische Angst, jeglichen Einfluss von außen zu vermeiden, der die Machtstruktur der Taliban gefährden könnte.“
„Shelter Now“ gehöre zum Arbeitskreis pfingstlich-charismatischer Missionen, sagt Martin Keiper, Pressesprecher des Evangelischen Missionswerkes in Deutschland. Nach den Hintergründen gefragt, meint er : „Wer geht schon freiwillig nach Afghanistan? Dazu bedarf es einer gewissen Glaubensüberzeugung, und diese lässt sich nicht an der Grenze abgeben. Wenn dich dann ein Hilfsbedürftiger fragt, warum du eigentlich hilfst, kommt der Helfer in Bedrängnis: Er müsste etwas über den Glauben sagen.“ Und von Seiten der Taliban betrachtet, meint Keiper: „Ist nicht schon jeder Christ, der kommt und hilft, ein potenzieller Missionar?“