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Schluss mit Weihnachten

Weihnachten 2001
Ausgabe: 2001/51
19.12.2001
- Erich Jooß
Wenn ich an das letzte Weihnachtsfest denke, bin ich traurig und glücklich zugleich. Von diesem Weihnachtsfest möchte ich erzählen. Aber ich weiß nicht, wie ich beginnen soll. Oder würdet ihr gerne über einen Vater reden, der dauernd Wutanfälle bekommt? Die kleinste Kleinigkeit kann ihn ärgern. Irgend jemand hat vergessen, das Licht im Gang auszuschalten. Sofort schreit mein Vater. Er schreit auch, wenn der Sportteil der Zeitung fehlt. Er schreit fast immer.

Vielleicht fühlt er sich nicht wohl bei uns, denke ich. Wir können ihm nichts recht machen. Wir sind eine Unglücksfamilie. Am liebsten würde ich mit Vater reden, von Mann zu Mann. Aber ich habe Angst vor ihm. Sobald die blaue Ader auf seiner Stirn erscheint, ist es höchste Zeit zu verschwinden. „Warum bist du so blöd und ärgerst ihn?“ Diese Frage hat mir mein Bruder schon oft gestellt. Wir sind Zwillinge, doch Max, der Einserschüler, ist ganz anders als ich. Er putzt sich dreimal am Tag die Zähne und trägt den Mädchen ihre Taschen nach. Wenn es daheim Streit gibt, verdrückt er sich. Wir können uns nicht besonders leiden. Aber einmal haben wir uns wie Freunde gefühlt. Das ist letztes Jahr am Heiligen Abend gewesen.

Begonnen hatte dieser Tag wie immer. Meine Mutter ging früh am Morgen zum Metzger, und Vater nahm sich nach dem Frühstück auf dem Balkon den Christbaum vor. Er hackte eine Weile an dem krumm gewachsenen Sonderangebot herum, bevor er die Tanne in den Ständer stopfte. Der Nachmittag verlief eintönig. Vater saß in der Küche und drehte am Radio, Mutter hatte sich in der Stube eingeschlossen. Sie hängte die bemalten Kugeln und Engeln in die Zweige des Christbaums. Ich zog mich mit meiner Lieblingslektüre in eine Ecke zurück. Fast wäre ich über dem Buch eingeschlafen. Da ertönte das Glöckchen und hörte nicht auf zu bimmeln, bis die ganze Familie um den Baum versammelt war. Unter den Zweigen lagen die Geschenke. Für mich gab es ein Fußballspiel, ein Tipp-Kick, während mein Bruder einen Chemie-Experimentierkasten bekam. Vor ein paar Wochen hatten wir die Geschenke im Schlafzimmerschrank der Eltern entdeckt. Jetzt schauten wir ganz überrascht, was gar nicht so leicht ist, wenn man schon alles weiß. Wir sangen gemeinsam „Stille Nacht, heilige Nacht“, dann sollte ich die Weihnachtsgeschichte nach Lukas vorlesen. „In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl“, begann ich, und mein Vater sagte: „Beistrich!“ Beim Komma musste ich die Stimme heben, und beim Punkt wollte er, dass ich sie wieder senke. Zwischendurch sagte er auch „Pause“ oder „Langsamer lesen“ oder „Setz dich gerade hin“. Mein Vater wäre gern Lehrer geworden. Nicht einmal am Weihnachtsabend vergisst er das!

In anderen Familien darf man jetzt allmählich die Geschenke auspacken, bei uns kommt zuerst das Abendessen. Ich erinnere mich noch genau: Mutter trug eine gebratene Ente herein, und dann ging sie ein zweites Mal und holte die Knödel. Wie im Schlaraffenland schmeckte es. An diesem Abend wäre alles gut verlaufen, wenn Mutter nicht die Idee mit dem Nachtisch gehabt hätte. Es gab Kirschenkompott. Anfangs legte ich die Kerne noch an den Rand des Tellers. Dann sah ich in das Gesicht meines Bruders. Wir spuckten fast gleichzeitig.

Es ist mir bis heute ein Rätsel, warum ich mit dem Kern meinen Vater getroffen habe. Jedenfalls erstarrte er zu einer Säule. Kerzengerade saß er am Tisch, und seine Fäuste ballten sich, und die Ader auf seiner Stirne schwoll gefährlich an. „Was fällt euch ein? Verschwindet sofort! Ich will euch nicht mehr sehen!“, schrie er. Wir blieben sitzen, bewegungslos, wie die Kaninchen vor der Schlange. Da schrie er noch einmal: „Haut ab! Geht ins Bett! Schluss mit Weihnachten!“ Das war der erste Abend in meinem Leben, an dem ich mich nicht waschen musste. Wir zogen uns im Dunkeln aus, hängten die Kleider über die Stühle und schlüpften unter die Bettdecke. Nach einer Weile gingen auch die Eltern ins Bett.

„Schluss mit Weihnachten!“ hatte mein Vater geschrien. Ich konnte nicht einschlafen. Immer wieder dachte ich an den Kern, der in eine ganz andere Richtung geflogen war als ich gewollt hatte.

Schläfst du schon?“, fragte plötzlich mein Bruder, der Einserschüler. Er leuchtete mich mit der Taschenlampe an. „Nein“, flüsterte ich. „Dann komm mit“, forderte er mich auf. Wir tappten zur Tür und überquerten auf Zehenspitzen den Gang. Erst in der Stube trauten wir uns zu schnaufen. Max machte sich gleich über seinen Experimentierkasten her. „Willst du unser Haus in die Luft jagen?“, fauchte ich. „Lies zuerst die Gebrauchsanweisung!“ Das begriff sogar mein Bruder. Er schob den Kasten zur Seite und sah mir zu, wie ich das Spielfeld von meinem Tipp-Kick ausrollte. „Du hast den roten Spieler“, sagte er, während er den gelben nahm. Noch nie hatte sich Max für Fußball interessiert. Ich erklärte ihm die Regeln, und er schoss den Ball so oft in mein Tor, dass ich mit dem Zählen nicht nachkam.

Direkt vor unserem Stubenfenster steht eine Laterne. Sie spendete uns ausreichend Licht. Nur manchmal, wenn der winzige Ball davonsprang, mussten wir zur Taschenlampe greifen.

Im Eifer des Spieles merkten wir nicht, dass die Tür aufging. „Darf ich mitspielen?“, fragte mein Vater und setzte sich neben uns. Vor Schreck brachten wir keine Antwort heraus. „Dann eben nicht“, sagte er. „Aber lasst mich wenigstens die verschossenen Bälle suchen.“ An diesem Abend kroch mein Vater unter die Couch, unter den Kasten und unter den Tisch. Im Eifer des Suchens knipste er dauernd die Taschenlampe an, so als ob er was Verbotenes täte. Ganz zuletzt kam meine Mutter herein. Sie stellte sich ans Fenster. Mein Vater ging zu ihr und legte den Arm um ihre Schulter. Draußen wirbelte der Schnee und im Nachbarhaus brannte jemand eine Wunderkerze ab. „Was ist mit dir?“ fragte mein Einser-Bruder und schaute mich an. Da hätte ich fast losgeheult.

Aus: Es war einmal in Betlehem. Neue Legenden und Geschichten zur Weihnachtszeit. Topos-Taschenbuch, 96 Seiten, öS 113.–
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