In diesen Tagen sammeln die Sternsinger für ein Land, das für seine Hungerkatastrophen bekannt ist. Gegenüber der Kirchenzeitung macht Daniel Keftassa jedoch auf Äthiopiens Reichtümer aufmerksam.
„Äthiopien ist eines der reichsten Länder in Afrika“, erklärt Daniel Keftassa mit strahlenden Augen: „Auch wenn das in Europa kaum jemand weiß. Denn hier wird nur vom Hunger und über den Krieg mit Eritrea berichtet.“ Und Keftassa erzählt von den vielfältigen Kulturen und Traditionen seiner Heimat, die als einer der ältesten Staaten der Erde gilt. Was der Landwirtschaftsexperte unermüdlich betont, das ist die ausgeprägte „Kultur der Landwirtschaft“. Über Jahrtausende haben die Menschen sich hier mit Boden und Klima abgemüht. Ein unschätzbarer Reichtum an Erfahrungen ist entstanden. „Hier mit einem Bauer zu sprechen, ist wie Fachsimpeln an der Uni. Wie sein Boden beschaffen ist, welche Samen er pflanzt und wo“, meint der Professor für Weidelandwirtschaft. „Wir fühlen uns als sehr reiche Menschen.“
Lebensweisheit
Dennoch ist das Land arm und zehn Millionen Menschen sind vom Hunger bedroht. Eine Ursache liegt für den ehemaligen UN-Berater Keftassa in der Überbevölkerung. Der nach Nigeria bevölkerungsreichste afrikanische Staat ist nur zur Hälfte landwirtschaftlich nutzbar. Auf dieser Fläche leben acht von zehn Äthiopiern. Die meisten Familien haben weniger als zwei Hektar. Keftassa: „Was sie ernten, verbrauchen sie. Es bleibt nichts übrig.“ Und er vergleicht: „In Äthiopien sind 85 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Sie können jene 15 Prozent (zehn Millionen Hungernde) nicht miternähren. Denken Sie an Österreich, wo nur sechs Prozent in der Landwirtschaft tätig sind. Sie ernähren 94 Prozent der Bevölkerung mit.“Daniel Keftassa, der seit drei Jahren auch als Berater für die kirchlichen Entwicklungsprojekte in Gamo Gofa tätig ist, weiß noch um einen weiteren Schatz: Die Lebensweisheit der Menschen. „Sie wissen, wie sie überleben können ganz ohne neue Technologien.“Doch auch in der Entwicklungszusammenarbeit habe man diese Weisheit missachtet. Seit 1998 geht man nun in Gamo Gofa daran, „die Menschen zu ermutigen das zu tun, was sie denken“, erklärt Keftassa. „Das ist eine Entwicklung, die uns alle zu Studenten macht. Aber auch für die Hilfsorganisationen in Europa wird das zu einem neuen Stil der Zusammenarbeit führen.“
Fähigkeiten entdecken
Ermutigt von den Erfahrungen sagt Daniel Keftassa: „Es ist nicht das Geld, das die Menschen verändert. Denn Äthiopien hat in der Vergangenheit aus aller Welt viel Geld erhalten, aber was hat es bisher bewirkt? Wir waren arm, wir sind arm und wir werden aller Voraussicht nach auch arm bleiben. Ich glaube vielmehr, dass ein anderes Denken diese Situation verändert. Dass nämlich die Möglichkeit zur Veränderung in uns steckt, und dass wir es schaffen.“