Astrid Lindgren war Schriftstellerin mit Visionen für Klein und Groß
Ausgabe: 2002/06, Astrid Lindgren, Schriftstellerin, Phantasiewelt, Pippi Langstrumpf,
05.02.2002
- Elisabeth Leitner
Das Leben kann so spannend sein wie in „Pippis kunterbunter Villa“. Die Schöpferin der Phantasiewelten, die mitten im Alltag spielen, hat Generationen von Kindern geprägt.
„Pippi Langstrumpf“ – das wollten viele von uns in den 80er Jahren nicht nur im Fasching sein. Und wenn wir mit den Reißbürsten an den Füßen durch das Badezimmer rutschten und dabei knöcheltief im Wasser standen, dann war das – zum Entsetzen unserer Eltern – Pippis eigenwilligen Putzvorlieben zu verdanken. Die Schöpferin dieser Phantasiewelten – Astrid Lindgren – ist kürzlich im Alter von 94 Jahren in ihrer schwedischen Heimat verstorben. Lindgrens Geschichten atmen den Geist der Freiheit, ihre Figuren sprühen vor Fantasie, sind ausgelassen und fröhlich, kennen aber auch die Schattenseiten des Lebens – Schmerz, Trauer, Einsamkeit. Die Menschen begegnen einander respekt- und liebevoll, sind aber deshalb nicht brav und langweilig.
Mit einem zwinkernden Auge stellte Lindgren die Borniertheit feiner Damen, die unmenschliche Korrektheit und geistige Enge gutbürgerlicher Strukturen dar. Das In-Frage-Stellen der herrschenden Ordnung wurde „von den Erwachsenen dieser Welt keineswegs immer begeistert aufgenommen“, erzählt Inge Cevela von der Studienberatungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur der Diözese Wien. Denn: „Zu antiautoritär trat ihnen diese Pippi mit den roten Zöpfen auf“, weiß Cevela.
Die schwedische Buchautorin hat – so wie in den 90er Jahren Joanne K. Rowling mit „Harry Potter“ – für ihre Kinder zu schreiben begonnen. Erst nach und nach wuchs das Vertrauen in ihr schriftstellerisches Talent. Lindgren, die selbst eine glückliche Kindheit verbracht hatte, schrieb 1945 „Pippi Langstrumpf“ und 1950 „Kalle Blomquist und der Meisterdetektiv“. Die mehr als 70 Bücher sind in über 40 Sprachen übersetzt, Pippi Langstrumpfs Abenteuer machten in 85 Sprachen weltweit die Runde.
1978 erhielt Lindgren als erste Kinderbuch-Autorin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. „Niemals Gewalt“ – diesen Gedanken entfaltete sie in ihren Büchern – und in ihrer Ansprache anlässlich der Verleihung: „Ob ein Kind zu einem warmherzigen, offenen, vertrauensvollen Menschen mit Sinn für das Gemeinwohl heranwächst oder aber zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen Menschen, das entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder aber (sie entscheiden) dies nicht zu tun.“ Dass Gewalt und Krieg nicht natürliche Zustände sind und es möglich ist, einen kleinen Beitrag zum Frieden zu leisten – diese Überzeugung lebte sie. Für ihren Einsatz zum Schutz der Kinderrechte und die Verbesserung des Tierschutzes bekam sie 1994 den Alternativ-Nobelpreis verliehen.