Christliche Kirchen sehen Mormonen als neue Offenbarungsreligion
Ausgabe: 2002/07, Mormonen, Olympische Winterspiele, 2002, Salt Lake City, Utah,
12.02.2002
- Stephan Djundja
Mit den Olympischen Winterspielen steht Salt Lake City im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Dabei wurde die Stadt am Salzsee 1847 von Mormonen gegründet und ist Zentrum der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“.
Die Gemeinschaft der Mormonen, selbst nennt sie sich „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, wurde 1830 im US-Bundesstaat New York von Joseph Smith (1805–1844) gegründet. Der Farmersohn presbyterianer Eltern hatte als 14-Jähriger eine Vision: Gott-Vater und Jesus Christus waren ihm erschienen und hatten ihn aufgefordert, sich keiner der bestehenden Kirchen anzuschließen. Denn sie alle würden im Irrtum leben.
Das Buch Mormon
Später ist Joseph Smith der „Engel Moroni“, der Sohn des nordamerkanischen Propheten Mormon erschienen. Dieser soll im fünften Jahrhundert nach Christus gelebt haben. Seine Existenz ist geschichtlich aber nicht gesichert. Mormon, von ihm kommt der Name, ist Smith erschienen, und übergab 1827 am Hügel Cumorah versteckte „Goldplatten“. Mit Hilfe einer „Prophetenbrille“ übersetzte Smith die altägyptischen Schriften, die heute als das „Buch Mormon“ bekannt sind. Es beinhaltet religiöse Urkunden der Ureinwohner Nordamerikas sowie den Bericht von der Erscheinung des auferstandenen Jesus in Amerika. Neben der christlichen Bibel gilt das „Buch Mormon“ als „die heilige Schrift der Kirche“.
Die junge Gemeinschaft verstand sich nicht als Abspaltung von einer christlichen Kirche oder Sekte, sondern als Neugründung durch einen Propheten. Von der Umgebung wurde sie misstraurisch aufgenommen, was bald zu Konflikten führte. Das zwang die Gemeinde zur Flucht. 1839 wurde am Mississippi die Stadt Nauvo gegründet. Bereits nach fünf Jahren war sie größer als Chicago. Auch hier kam es zu Konflikten, vor allem wegen der Polygamie Joseph Smiths, die er mit einer Offenbarung rechtfertigte. Joseph Smith wurde 1844 verhaftet und getötet: ein Märtyrertod für die Mormonen. Sie blieben der Lehre treu, spalteten sich aber in rund 100 Gruppen auf.
Salt Lake City
Die größte unter den Gruppen, die heutigen „Utah-Mormonen, ist 1847 nach Westen in das Becken des großen Salzsees weitergezogen. Dort sprach ihr Führer Brigham Young (1801–1877) den berühmten Satz „This is the place – Das ist der Platz, da bleiben wir“. Hier steht heute die Olympia-Stadt Salt Lake City. Auf dem 2000 Kilometer langen Weg, die sie in fünf Monaten zu Fuß zurückgelegt hatten, mussten viele Mitglieder ihr Leben lassen.
1896 wurde Utah als 45. Staat in die USA aufgenommen. Zuvor hatten die Mormonen, durch eine Offenbarung des Präsidenten Woodruff (1807–1898), die Polygamie abgeschafft. Einigen Splittergruppen leben sie noch heute, was jedoch zum Ausschluss aus der offiziellen Kirche führt. Im Alltag leben Mormonen gesund. Sie verzichten auf Alkohol, Tabak, Tee und Kaffee. Zehn Prozent ihres Einkommens zahlen sie freiwillig an die Kirche. Ehe und Familie werden sehr geschätzt. Jeden Montag ist „Familienabend“. Sie praktizieren eine sogenannte „Totentaufe“ sowie Ahnenforschung. Denn Mormonen glauben, dass die Familie auch nach dem Tod zusammenbleibt.
Ewiger Fortschritt
Wegen vieler Sonderlehren werden die Mormonen von den christlichen Kirchen als neue Offenbarungsreligion gesehen, die sich wesentlich vom Christentum unterscheidet. Sie haben ein anderes Gottes- und Menschenbild. Sowohl Mensch als auch Gott unterliegen dem Gesetz des ewigen Fortschritts: „Wie der Mensch heute ist, war Gott einst – wie Gott heute ist, kann der Mensch einst werden.“ Deshalb lehnen sie die christliche Lehre von der Dreifaltigkeit ab. Und aus diesem Grund wird die Taufe der Mormonen weder von evangelischer noch von der römisch-katholischer Kirche als gültig anerkannt.
Hintergrund
Mormonen in Österreich
In 161 Staaten leben heute elf Millionen Mormonen. In Österreich sind sie seit 1955 als „Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ staatlich anerkannt. In 22 Gemeinden leben 4000 Mitglieder. Das Gebiet ist in zwei Pfähle geteilt, mit Sitz in Wien und Salzburg. Jede Gemeinde hat einen gewählten Bischof. Alle Männer (ab 12 Jahre) können „aaronische Priester“ werden (vgl. Ex 28–30). Eine weitere Stufe (ab 18) ist der „melchizedekische Priester“ (Gen 14), der sich um geistliche Aufgaben kümmert. Frauen können nicht Priesterin werden. Priester und Tempelrituale spielen eine wichtige Rolle im Mormonenleben.
Auffallend sind vor allem die jungen Missionare, die in ihren gepflegten Anzügen und mit Namensschild auch von Haus zu Haus gehen, um für ihren Glauben zu werben. Es ist eine Ehre für die Familie und die ganze Gemeinde, wenn jemand in die Mission entsandt wird.Derzeit sind 60.000 junge Männer und Frauen, davon 40 Österreicher, zwischen 19 und 24 Jahren freiwillig im Dienst ihrer Kirche für zwei Jahre im Ausland. Die Kosten von monatlich 297 E (4087 S) müssen sie selbst bezahlen. Gleichzeitig nehmen sie strenge Regeln auf sich: sie dürfen keinen Besuch von den Eltern erhalten; höchstens zwei Mal im Jahr mit ihnen telefonieren und wöchentlich nur einen Brief schreiben. Dennoch machen sie diesen Dienst gerne mit. Darauf vorbereitet werden sie in einem von weltweit zwölf Zentren. Die Mormonen halten gut zusammen. Das Gemeindezentrum ist ihr „zweites Zuhause“, wo sich das ganze Gemeinschaftsleben abspielt, so dass sie in der Wohngemeinde oft wenig präsent sind.