Die Taufe am Jordan und die Versuchung in der Wüste – diese Erzählungen stehen vor Jesu öffentlichem Wirken. Jesus war an den Jordan gekommen, um sich taufen zu lassen. „Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe“ (Mt 3, 16–17).
Derselbe Geist führt Jesus nun in die Wüste, einen Ort des Angefochtenseins, einen Ort der Gottferne und Gottnähe zugleich. Vierzig Tage und vierzig Nächte fastete er dort. Gott hatte Israel aus Unfreiheit und Unterdrückung in Ägypten herausgeführt. Vierzig Jahre war Israel auf der Wanderschaft durch die Wüste gewesen, denn Gott wollte sein Volk prüfen, ob es treu sein und seine Gebote halten würde. Vierzig Tage und Nächte war Mose beim Herrn auf dem Berg Sinai gewesen, wo er die Worte des Bundes auf Tafeln schrieb. Vierzig Tage und Nächte war der Prophet Elija zum Gottesberg Sinai gegangen, geflohen vor seiner Aufgabe, an der er zu scheitern glaubte. Elija begegnete dort Gott, der ihn bestärkte. In diese Reihe der großen Erzählungen des biblischen Glaubens stellt Matthäus nun Jesu Tage und Nächte in der Wüste. Hatte bei der Taufe am Jordan sich Gott zu Jesus bekannt, so geht es jetzt um Jesu Bekenntnis zu Gott. Könnte es irgend etwas geben, das Jesus vor Gott stellen würde? Diese Frage hat für heutige Ohren einen eigenartigen Klang. Denn wer diese Erzählung liest, ist versucht, sie gleich vom christlichen Glauben an Jesus Christus als dem Sohn Gottes zu verstehen. Jesus aber war auch Mensch.Wenn du Gottes Sohn bist, dann hilf dir selbst und steig herab vom Kreuz. [. . .] Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben“ (Mt 40b. 43a). Verlangte Zeichen und Wunder geschehen nicht. Vertrauen und Glaube sind Voraussetzung, um Jesus zu erkennen. „Nachdem Jesus vierzig Tage und Nächte gefastet hatte, trat der Versucher an ihn heran und sagte:
Wenn du Gottes Sohn bist, dann . . .“ Was würde es bedeuten, die Wüste Brot bringen zu lassen um den Hunger zu stillen? Wem würde es Gewissheit bringen, sich mirakulös zur Schau zu stellen? Sollte er nach den Schalthebeln der Macht greifen, um die Welt zu verändern? Diese Tage und Nächte in der Wüste sind als Vorbereitung Jesu verstehbar. Wie wird er seinen Weg gehen?Welche Erwartungen der Menschen werden ihm begegnen? Steine in Brot zu verwandeln kann den Hunger stillen. Leben aber ist mehr, denn „der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Dtn 8, 3).
Brigitte Huemer ist Mitarbeiterin der Kooperationsredaktion der westösterreichischen Kirchenzeitungen