Serjoscha hat zu viel Klebstoff geschnüffelt. Der 13-Jährige kämpft mit dem Tod. In ihrer Not klopfen die Straßenkinder bei Vera Koshil an.
Vera Koshil kam vor einigen Jahren aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew nach Österreich. Als junge Sozialarbeiterin im städtischen Sozialamt begleitete sie eine Gruppe von Tschernobylkindern zu einem Ferienaufenthalt. Für Vera war diese erste Auslandsreise eine Lebenswende. Sie wusste: das war ihre Chance, etwas Nachhaltiges für die vielen vernachlässigten Kinder in ihrer Heimat zu tun. Vera kündigte ihren Job und gründete mit Hilfe ihrer neuen Freunde aus Österreich das erste Straßenkinderzentrum in der Ukraine.Heute ist V
era Koshil ein Begriff nicht nur für die Kiewer Straßenkinder, sondern auch für die Behörden. Diese hatten der zarten Zweiunddreißigjährigen zunächst vor allem Schwierigkeiten gemacht. Heute sagt die Sozialstadträtin: „Dieses Heim ist ein Modell für uns.“ Nach diesem Modell will die Stadt jetzt selber Zentren für die dramatisch wachsende Zahl der Straßenkinder gründen. „Vera hat uns gezeigt, wie es geht.“
Hohe Dunkelziffer
8000 Straßenkinder gibt es allein in Kiew, 90.000 nach offiziellen Angaben in der Ukraine und 30 Prozent kommen jeden Monat dazu. Die Caritasmitarbeiter schätzen die Zahl auf das Doppelte. Diese Straßenkinder sind das Produkt der bitteren Armut, in die das Land seit dem Ende der Sowjetunion gefallen ist. Die alte Ordnung ist dahin, die neue noch nicht entstanden. Jedes Kind hat seine eigene Geschichte, aber die Geschichten ähneln einander. Arbeitslose Eltern, Familien, die zu acht bis zehnt in einem Zimmer hausen, Krankheit, Elend, Alkohol. Wenn die Mutter oder die Großmutter, die die Familie meist zusammenhält, nicht mehr kann und ausfällt, bricht alles zusammen. Die Kinder laufen weg und schlagen sich allein durch.
Wie Pech und Schwefel
„Für uns gelten keine Gesetze“, sagt Vitali, ein schmächtiger Vierzehnjähriger, der Veras Zentrum gelegentlich aufsucht. Er lebt mit 24 anderen Kindern, ein Mädchen darunter, im sogenannten „Kanal“. Auf einer Müllhalde am Rande der Stadt führen drei Löcher in einen völlig verdreckten Kellerraum. Er ist warm, weil Heizungsrohre hier durchgehen. Die Kanalkinder kämpfen jeden Tag erneut ums Überleben. Sie waschen Windschutzscheiben, sie betteln, sie stehlen. Sie halten sich an keine Gesetze, aber sie werden auch durch keine Gesetze geschützt. Wenn sie krank sind, nimmt kein Krankenhaus sie auf. Sie halten zusammen wie Pech und Schwefel. Als die Besucher aus Österreich etwas zu Essen mitbringen, stürzt sich die halbverhungerte Kinderschar auf die Sachen wie ein Rudel junger Wölfe, aber sie schaut auch sehr genau darauf, dass auch die Kleineren und Schwächeren ihren Teil bekommen.
Ohne lästige Fragen
Die Straßenkinder haben niemanden als einander – und Vera. In ihr Zentrum kommen sie, wenn sie gar nicht weiter wissen. Hier gibt es ein warmes Essen, eine heiße Dusche, im Notfall ein Nachtquartier, eine große Dosis Freundlichkeit und keine lästigen Fragen. Einen Tag nach dem Besuch der Österreicher bringen die Kinder mitten in der Nacht einen Dreizehnjährigen aus ihrer Gruppe mit Herzstillstand. Serjoscha hat, wie die meisten , Klebstoff geschnüffelt, die Droge der Straßenkinder. Das kann tödlich ausgehen. Die Polizei oder ein Spital zu alarmieren, hätten die Kinder nie gewagt, aber zu Vera haben sie Vertrauen. Es geht noch einmal gut. Vera sorgt für einen Arzt. Serjoscha wird gerettet.
An die hundert Kinder finden Zuflucht im Kinderheim. Die Kleineren dürfen auch hier schlafen. Wer jahrelang nicht in die Schule gegangen ist, kann den Lehrstoff nachholen und später wieder einsteigen. Aljoscha, ein begabter 15-Jähriger, möchte leidenschaftlich gern lernen – wenn man ihn nur ließe. Aber er hat keine Papiere. Er spielt uns auf der Gitarre ein Lied vor, das er selber gedichtet und komponiert hat. Es handelt von Vera und vom Kinderheim, seinem Paradies.
Caritas-Spendenkonto für ukrainische Straßenkinder: 7.700.004 (P.S.K.) Kennwort „Osten Europas“.