Dieser Jesus ist ein Profi! Wieder einmal hat er den richtigen Ort gewählt: am Rand des weitum bekannten Jakobsbrunnens spricht er über den Durst nach Leben und darüber, dass er ihn nachhaltig stillen könne. Die samaritanische Frau, mit der er diskutiert, und die anderen aus dem Ort Sychar, die sie hinzugeholt hat, verstehen bald, was er ihnen sagen will: „Begnügt euch nicht mit der Befriedigung eurer Bedürfnisse. Leben ist mehr als Essen und Trinken, wirkliches Leben spielt sich nicht an der Oberfläche ab. Geht in die Tiefe! Schaut auf euer inneres Grundwasser und erschließt Quellen für eure Seelen!“
Bis heute wird Israelpilgern der Jakobsbrunnen an der alten Hauptstraße von Judäa nach Samaria gezeigt: mehr als 2000 Jahre alt, 32 Meter tief, 2,30 Meter Durchmesser und voll funktionsfähig. Alter und Bauweise dieses Brunnens sowie die Wasserqualität sind beeindruckend, und doch kann kein noch so schmackhafter Schluck dem Leben längerfristig Sinn geben. Jesus hingegen erreicht mit seinem An- und Ausspruch „Ich gebe Wasser, das deinen Durst nach einem gelungenen Leben stillen kann“ eine Tiefe, die kein Brunnenloch erahnt. Wer sich ganz auf ihn einlässt, sich von ihm ernährt, findet volles Leben. Welcher Herkunft jemand ist, welche Lebensumstände jemand hat, welche Überzeugungen jemanden bisher leiteten – das alles ist zweitrangig. Es zählt allein, Jesus nachzufolgen und ihn zum Brunnen zu nehmen.
Brunnen ist Urbild. Nach alter menschheitlicher Überzeugung erinnert der Brunnen an Mutterschoß, frauliche Rundung, Fruchtwasser, Lebenswasser, mütterliche Lebensquelle“, schreibt die Wiener Theologin Maria Riebl. Jesu Worte am Jakobsbrunnen berühren menschliche Urerfahrungen und tiefste Sehnsüchte. Ist schon das chemische Element Wasser für jedes Leben unverzichtbar, um wieviel nötiger sind dann die inneren Quellen des Geistes und ein gesundes Grundwasser der Seele?
Wasser ist wertvollstes Gut. In vielen Gegenden bezahlt oder kämpft man dafür, geht zu Wasserstellen kilometerweit zu Fuß. Wassersuche ist keine Nebensache. Quellen sind oft unzugänglich, Grundwasser liegt nicht selten in großer Tiefe. Genausowenig ist es eine Kleinigkeit, innere Quellen für Geist und Seele aufzuspüren und zu fassen. Will ich zum Grundwasser meines Lebens kommen, muss ich auch durch unangenehme, dunkle Schichten bohren.Und wenn einmal Wasser gefunden ist, gilt es, behutsam damit umzugehen. Denn zu schnell sind Quellen verschüttet oder verschmutzt und Brunnen vergiftet.
Martin Kranzl-Greinecker ist Theologe und Journalist und lebt mit seiner Familie in OÖ.