Waltraud hat keine gute Beziehung zu ihrem Vater. Sie erzählt, dass er schon immer Alkoholiker war. Die meiste Zeit war er nicht zu Hause. Und wenn er daheim war, war er entweder „abwesend“ oder hat randaliert, die Mutter, sie und die zwei Brüder bedroht. Zu ihrer Mutter hat Waltraud eine enge Bindung. Sie war für die Kinder da und hat ihr als ältester Tochter viel erzählt, sie um Rat gefragt. Auch über die Beziehung der Eltern erfuhr sie einiges.
Waltraud fühlt sich schon lange nicht wohl, sondern kraftlos, spürt, dass ihr das Leben mit seinen Anforderungen zu viel wird, wirkt niedergeschlagen und klagt über Herzklopfen. Medizinisch gesehen sei aber alles in Ordnung.Nach näherer Betrachtung entdeckt sie im Gespräch, wie oft sie Stütze für ihre Mutter war. „Oft habe ich mich sogar größer und stärker gefühlt als sie und ich merkte schon als Kind, wie unglücklich meine Mutter ist und wie sehr ich ihr gewünscht hätte, ihr Leben wäre schöner.“
Waltraud hat viel Energie eingesetzt, ihrer Mutter hilfreich zur Seite zu stehen, und hat sich für das Glück der Mutter verantwortlich gefühlt. Und obwohl sie so viel eingesetzt hat, sich oft überanstrengte, hat sie es nicht geschafft, die Ehe ihrer Eltern oder das Leben der Mutter zu verbessern. Sie hat das Gefühl, versagt zu haben. Neben Herzklopfen spürt sie sogar Wut den Eltern gegenüber.
Kinder – oft erwachsene – können das Leben der Eltern nicht verändern. Das ist oft eine schmerzliche Erkenntnis: „Auch wenn ich mich noch so anstrenge, das schaffe ich nicht.“Für Waltraud wäre es wichtig, das vierte Gebot ernst zu nehmen: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe auf Erden.“ Das bedeutet, zu einer inneren Haltung zu kommen: „Ich muss euch so nehmen, wie ihr sein, darf euch die Verantwortung wieder übergeben. Ich kann euch nicht verändern. Ich bin nur für mein eigenes Leben verantwortlich.“
Karin Remsing, Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberater-in in der Diözese Linz.