Im Redaktionsteam zählte Pfarrerin Friederike Woldt zur zweifachen Minderheit. Sie war die einzige Frau aus Ostdeutschland, die am gemeinsamen Wort der katholischen und evangelischen Kirche mitgeschrieben hat.
„Aus meiner Sicht ist die Situation der Frauen gut bearbeitet worden“, sagt Friederike Woldt über das gemeinsame Wort der evangelischen und katholischen Kirche zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland. Auch fünf Jahre nach Erscheinen der 258 Punkte meint die Generalsekretärin des evangelischen Kirchentages in Deutschland: „Für ein Kirchendokument war das wirklich revolutionär, was da drinnen steht.“
Vergesst uns Frauen nicht
Zu Beginn der Arbeit im achtköpfigen Redaktionsteam Ende 1995 hatte sich die Situation mit Blick auf die Frauen jedoch noch ganz anders dargestellt. Nach der 18 Monate dauernden Diskussion zum Grundtext lauteten die Hauptkritikpunkte: Frauenbelange kommen kaum vor, sind unzutreffend und einengend dargestellt. Benachteiligungen von Frauen werden nicht als strukturelle Benachteiligungen und fehlende Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern gesehen.
Friederike Woldt, damals Pfarrerin in Sachsen, und mit der Katholikin Marita Estor die Frauen der Redaktionsrunde, über ihre Rolle: „Ich war Anwältin von zwei Gruppen, die benachteiligt waren. Denn sowohl die Frauen als auch die östlichen Bundesländer waren im Diskussionspapier einfach zu kurz gekommen. Insofern war es eine Defizitdiskussion. Es musste bei jeder Frage immer wieder ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass auch die Situation der Frauen benannt werden muss.“
Eine Erfahrung, über die Friederike Woldt mittlerweile differenzierter denkt: „Heute gibt es in der Gesellschaft eine breitere Basis, die sagt: Wir können in einem solchen Papier nicht mehr nur eine Wirklichkeit, nämlich die der Männer, beschreiben. Und diese Defizitargumentation – bitte vergesst doch uns Frauen nicht – führt zu nichts. Vielmehr geht es um sehr grundsätzliche und berechtigte Forderungen, wie beispielsweise in der Frage der Arbeit: ein rares Gut muss gerecht verteilt werden.“
Auf die Frage, warum sich denn die „Welt der Frauen“ nicht wie ein roter Faden durch den Text „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ zieht, sondern nur vereinzelt durchbricht, kontert die Mitautorin: „Man muss wirklich sehen, wer sich da äußert. Katholische wie evangelische Kirche nehmen nicht die progressivste Position in dieser Frage ein. Und es war von Anfang an ein Konsenspapier. Natürlich, eine Organisation, die sich vor allem Frauenfragen verpflichtet weiß, wäre viel weiter gegangen.“
Berührungsängste
Wirkliche Leistung des gemeinsamen Wortes ist für Friederike Woldt auch fünf Jahre nach Veröffentlichung der Diskussionsprozess: 25.000 Seiten Eingaben waren ein überwältigender Beweis. Und im selben Atemzug nennt die evangelische Pfarrerin auch die Fähigkeit zum Konsens mit den katholischen Partnern.
Dass gerade in jenem Kapitel, wo es um die eigenen „Aufgaben der Kirchen“ geht, Frauen nicht vorkommen, ist für Woldt der „unbefriedigendste Punkt im Papier“. Die Kirchen hätten mehr Mut zu einer zukunftsweisenden Äußerung haben sollen. Doch auf dem Hintergrund der in sich differenzierten Situation der verschiedenen Kirchen war es nicht möglich, konkreter zu werden. „Das hat etwas mit den Konfessionen und noch vorhandenen Berührungsängsten zu tun.“
Walter Achleitner
H I N T E R G R U N D
Sozialwort: Spiegel der Gesellschaft oder große Vision?
Der Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern zum Beispiel hat sich nach Erscheinen des gemeinsamen Wortes der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland nicht verringert. „Es ist vielleicht auch eine Überforderung dessen, was dieses Papier leisten konnte“, analysiert Friederike Woldt. Die Mitautorin der Textvorlage: „Es war ein richtiges Signal zum richtigen Zeitpunkt. Aber es hatte keine Chance etwas auszulösen.“
Wirklich neue Stichworte, auch das war vom Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage erwartet worden. „Im Bezug auf kirchliche Positionen hat es einiges Neues gebracht“, ist Woldt überzeugt. Mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Debatte meint sie jedoch ernüchternd: „Es hat das gebracht, was zurzeit aktuell ist, und das hat es noch fokussiert.“ Auf den Vorwurf mangelnder Visionen angesprochen, sagt die Mitautorin: „Das ist vielleicht auch ein Zeichen dieser Zeit. Die Kirchen sollten sich ihrer Aufgabe, visionär zu sein, mehr stellen. Aber das Papier ist meines Erachtens mehr ein Spiegel als eine große Vision.“