Christen im Irak: „Wir wissen nicht, wie lange wir noch durchhalten“
Ausgabe: 2002/10, Sako, Irak, Achse des Guten, Louis Sako, Bagdad, Mosul, Dialog
06.03.2002
Ist der Irak das nächste Ziel im „Krieg gegen den Terror“?
Die Kirchenzeitung sprach mit dem chaldäischen Priester und Konsultor des päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, Louis Sako, über die Situation im Irak.
Für US-Präsident Bush zählt Ihr Land zur „Achse des Bösen“. Wie denken Sie darüber?
Sako: Sie wissen, das Böse gibt es überall. Gegenwärtig zählen für mich die USA hauptsächlich zur „Achse des Bösen“. Denn sie wollen die gesamte Welt nach ihren eigenen Vorstellungen kontrollieren. Ich möchte nicht leugnen, dass es auch im Osten das Böse gibt. Aber wer sind die Opfer dieser Politik, wer zahlt den Preis? Es sind arme Menschen.
Das Böse – das ist etwas sehr Relatives. Ich denke, wir sollten nicht das Böse suchen, sondern nach dem Guten Ausschau halten. Wo sind die „Achsen des Guten“? Diese müssen wir fördern und stärken! Im 21. Jahrhundert steht der Dialog zwischen den Religionen und Zivilisationen im Mittelpunkt, nicht aber das gegenseitige Bekämpfen.
Vom Irak aber heißt es, dass er Massenvernichtungswaffen entwickelt oder schon besitzt?
Sako: Dazu kann ich weder Ja oder Nein sagen. Ich weiß darüber nichts.
Wie lebt es sich in einem Land, von dem es heißt, es könnte nach Afghanistan zweites Ziel im „Krieg gegen den Terror“ sein?
Sako: Der Irak ist ein reiches Land. Das Ziel der USA ist nicht der Friede oder der Aufbau einer Demokratie im Irak. Sie wollen unsere Ressourcen wie Erdöl oder Wasser. Wir sind heute ein strategischer Ort. Die USA setzen sich nicht deshalb ein, um der Bevölkerung das Gute zu bringen. Sie suchen ausschließlich ihre eigenen Interessen zu sichern. Die Situation ist unheimlich angespannt, weil wir von den USA bedroht werden. Wir können ihnen nicht glauben. Denn immer, wenn sie sagen, dass sie den Irak angreifen, dann greifen sie nicht an. Sie sagen, dass sie das Regime stürzen werden, doch sie ändern nicht die Regierung. So geht das die ganze Zeit. Gleichzeitig bereiten sie dem Land jedoch nur Schwierigkeiten und zusätzliche Belastungen für die einfache Bevölkerung.
Heute ist es im Irak schwer, ein Leben unter menschenwürdigen Bedingungen zu führen. Alles ist enorm teuer und die meisten sind arbeitslos. Sehr viele sehen keine Zukunft. Sie sind durch das bereits zwölf Jahre andauernde Embargo zermürbt. Mit Hilfe kirchlicher Hilfswerke aus Europa versuchen wir zu helfen. Aber wir wissen nicht, wie lange wir noch durchhalten werden.
Was könnte geschehen, würde der Irak angegriffen werden?
Sako: Ich denke, die Christen müssen den Preis dafür zahlen. Von rund 700.000 Christen haben in den vergangenen zehn Jahren über 150.000 dem Land den Rücken gekehrt, und es werden noch mehr auswandern. Wir wissen auch nicht, was nach Saddam Hussein passiert. Niemand weiß das. Nur das Regime zu ändern ist nicht leicht. Es könnte zum Bürgerkrieg kommen. Die Zukunft ist sehr düster. Dass es zu einem dritten Weltkrieg kommen könnte, das glaube ich nicht. Die Länder des Mittleren Ostens sind allesamt arm. Sie haben keine Möglichkeit in einen Krieg gegen die USA, die einzige Supermacht, einzutreten. Sie würden zusammengeschlagen.
Ist das Leben für Christen im Irak schwieriger geworden nach dem 11. September?
Sako: Ja, das hat einen Einfluss. Mittlerweile gibt es sogar im Irak Islamisten. Das ist eine neue Entwicklung. Bisher gab es nie wirkliche Fundamentalisten. Davor haben Christen Angst.
Aber das hängt auch von der Kirche ab. Denn sie hat dazu keine Position. Unser Patriarch und unsere Bischöfe sollten demonstrieren, dass der Islam daran unschuldig ist. Er ruft nicht nach Gewalt oder Terror. Kirchliche Autoritäten in unserem Land könnten klarstellen, dass der Terror und die Gewalt gegen die USA nichts mit der Religion zu tun haben. Heute greifen Christen nicht den Islam an, weil es der Islam ist. Es gibt ebenso Christen, die Terroristen sind wie Moslems. Diese Stellungnahme aber gibt es nicht.
Was können Christen in Österreich für Christen im Irak tun?
Sako: Ich wünsche mir, dass sie die Menschenrechte einmahnen und immer wieder darauf drängen. Vielleicht können die Christen in Europa den Christen im Irak, aber auch in Palästina oder im Libanon helfen, dort zu leben und sie in wirtschaftlicher Hinsicht unterstützen, wie dies die „Initiative Christlicher Orient“ tut und Christen dadurch Arbeitsplätze finden. Denn die Emigration ist die große Herausforderung für unsere Präsenz hier.
Wir Christen haben die Berufung hier zu bleiben und ein Zeichen der Hoffnung zu sein. Denn wir leben seit vielen Jahrhunderten gemeinsam mit Moslems. Unser Zusammenleben sollten wir heute noch vertiefen. Selbst unsere Kirchen sollten mehr zusammenstehen und den Dialog mit den muslimischen Mitbürgern suchen. Wir sollten aufgeschlossener sein, aber das ist nicht leicht.
Welche Bedeutung hat das Gebet?
Sako: Das Gebet ist das Notwendigste. Denn nur Gott kann die Herzen der Menschen verändern. Ob wir in Österreich oder im Irak sind – das Menschenleben zählt gleich viel. Es gibt keine zwei Arten menschlichen Lebens: das des Superman oder das aus zweiter Wahl. Alle sind wir Menschen, und das gilt es zu respektieren als ein Abbild Gottes.
Interview: Walter Achleitner
Louis Sako,
bis September 2001 Rektor des chaldäisch-katholischen Priesterseminars in Bagdad, ist Pfarrer im nordirakischen Mosul. Unterstützt von der „Initiative Christlicher Orient“, bietet seine Pfarre eine Computerausbildung für junge Frauen an. Von den bisher 100 Teilnehmerinnen konnten bereits 20 einen Arbeitsplatz finden. Der promovierte Islamwissenschafter ist Konsultor des päpstlichen Rates für interreligiösen Dialog.