„Mit der Eskalation der Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis haben auch die Friedensbewegungen neuen Auftrieb erfahren“, berichtet Dr. Hildegard Goss-Mayr nach ihrer Rückkehr aus Jerusalem.
Wiederholt hat Hildegard Goss-Mayr in den letzten 18 Monaten israelische wie palästinensische Friedensinitiativen besucht. Seit Beginn der zweiten Intifada im September 2000 engagiert sich die Expertin für gewaltfreie Konfliktlösung wieder verstärkt im Nahen Osten. Erst Anfang März ist sie von einem neuerlichen Besuch auf beiden Seiten wieder nach Wien zurückgekehrt.
Einseitig nur Gewalt
„Gerade durch die Eskalation der Gewalt haben auch die Friedensbewegungen auf beiden Seiten neuen Auftrieb erhalten. Viele Menschen, sowohl Palästinenser wie Israelis wünschen ein Ende der Gewalt“, meint Hildegard Goss-Mayr. Denn Unbeachtet von den Medien in Europa mehre sich in Israel Widerstand gegen den Kurs von Regierungschef Ariel Scharon (dazu rechte Spalte). „Es ist ein Versagen der Medien, dass immer nur die Orte gezeigt werden, wo Anschläge verübt werden oder wie darauf mit Gegengewalt reagiert wird“, meint Goss-Mayr. „Dass aber jedes Wochenende in Israel Friedensdemonstrationen mit Hunderten Teilnehmern stattfinden, das wird nicht gezeigt.“Scharfe Kritik übt die Ehrenpräsidentin des Internationalen Versöhnungsbundes auch an der einseitigen Darstellung der bewaffneten Gewalt: „Das verzerrt die Ursachen für die Gewaltsituation. Vor allem die extrem hohe Arbeitslosigkeit auf palästinensischer Seite übt eine soziale und wirtschaftliche Gewalt aus, die zur wachsenden Bitterkeit führt. Das wiederum fördert vor allem unter Jugendlichen die Bereitschaft zur bewaffneten Gewalt“, analysiert Goss-Mayr.
Gewaltfreier Druck
Kann die Spirale der Gewalt gestoppt werden? „In dieser verfahrenen Situation sehe ich keine abrupte Lösung“, gesteht die erfahrene Konfliktlöserin. Die gegenwärtige Politik unterstütze letzt- endlich nur „gewaltbereite und radikale Gruppen“ auf beiden Seiten. Einziger Ausweg sei die Rückkehr an den Verhandlungstisch, denn „jeder Tote schürt nur noch mehr Bitterkeit und Hass“.Zwei unabdingbare Voraussetzungen nennt Hildegard Goss-Mayr, die den Weg zum Verhandlungstisch ebnen: „Als einzige politische Kraft von außen können die USA noch eingreifen. Doch die Bush-Regierung hat sich bisher herausgehalten. Angesichts der dramatischen Situation ist zu hoffen, dass Scharon mit aller Entschiedenheit aufgefordert wird, die Ausweitung der militärischen Gewalt aufzugeben.“ Für Hildegard Goss-Mayr liegt aber die entscheidendste Rolle in Händen der israelischen wie palästinensischen Bevölkerung: „Sie müssen den gewaltfreien Druck auf die Politiker erhöhen. Denn sie wollen ein Ende der Gewalt und ein Leben in Würde.“
Frauen, Rabbis und Offiziere
Hintergrund
Angesichts ausufernder Gewalt engagieren sich in Israel verschiedene Friedensinitiativen für eine Zweistaatenlösung und das Ende der Besetzung palästinensischer Gebiete. - Peace now (Friede jetzt), bis zu den Verhandlungen von Oslo eine der stärksten Friedensbewegungen, ist zu neuem Leben erwacht. In Tel Aviv nehmen an Friedensdemonstrationen wöchentlich Hunderte Menschen teil. Vor zwei Wochen wurde in Jerusalem ein Trauermarsch für die Todesopfer auf beiden Seiten durchgeführt. - Die „Koalition der Frauen für einen gerechten Frieden“ ist gewachsen. Das „israelische Komitee gegen die Zerstörung palästinensischer Häuser“ entstand. - Die Bewegung „Rabbiner für Menschenrechte“ zählt bereits über 100 Mitglieder aller jüdischer Traditionen. Sie ist eine wichtige Bewegung innerhalb religiöser Juden. - Die Zahl israelischer Soldaten, darunter angesehene Offiziere, die den Einsatz in den palästinensischen Gebieten verweigern, hat sich beachtlich erhöht. Zunächst von der Regierung verschwiegen, sind vor wenigen Wochen 100 Verweigerer erstmals an die Öffentlichkeit getreten. Mittlerweile stehen über 300 zur Überzeugung: diese Gewalt können wir nicht bejahen.