Trauer. Kopfschütteln. Tiefe Frustration. Wer den Tod eines geliebten Menschen erlebte, kennt solche Gefühle. Die Familie weint um ihren Verstorbenen, in diesem Fall heißt er Lazarus aus Betanien. Keine Chance mehr. Aus und vorbei. Das war es also. Vielleicht hätte ihm sein Freund Jesus die Kraft zum Überleben gegeben, aber der war ja nicht in der Nähe. Dann kommt Jesus doch ins Trauerhaus, um Tage zu spät zwar, aber immerhin. Seine Anwesenheit tröstet. Jesus ist tief betroffen und weint um den Freund. Und dann geschieht, womit niemand rechnen konnte. Lazarus erwacht aus der Totenstarre wie aus einem Schlaf. Aus dem Grab beginnt er ein neues Leben.
War Lazarus scheintot? Hat die Reanimation gegriffen? Schlief der Tote am Ende nur? Ist Jesus der beste Arzt aller Zeiten? Wirkt er die unglaublichsten Wunder? Solche Fragen gehen damals wie heute ins Leere. Hilfreicher kann sein, den Bericht von der Auferweckung des Lazarus ganz persönlich zu lesen. Es kommt vor, dass Menschen in ihrem eigenen Grab liegen, obwohl sie – physisch betrachtet – am Leben sind. Sie erstarren in ihren Gewohnheiten, umwickeln ihre Sinne mit vielen Ablenkungen und fallen in eine Schein- und Traumwelt, in der sie Wesentliches verschlafen. Die an sich positive, lebenserneuernde Kraft des Schlafes kann auch einlullen und einschläfern. Alte Gelehrte haben den „Schlaf als Abbild des Todes“ und den Tod als „Schlafes Bruder“ bezeichnet.
Gelegentlich wird von einem „zweiten Geburtstag“ gesprochen, wenn jemand eine schwere Krankheit, ein langes Koma oder einen Unfall überlebt. Auch Lazarus erlebte diesen „zweiten Geburtstag“, als Jesus ihn aus dem Grab herausholte und er das Leben wieder spüren durfte. Mitten im Leben kam der Tod, mitten im Tod erwachte das Leben. Dieser wunderbare Tausch ist Zentrum des christlichen Glaubens, ist Kern des Osterfestes in wenigen Wochen.
In jedem Menschen gibt es eine Grabhöhle mit abgestorbenen Hoffnungen und verwehrten Wünschen, mit Wunden und Verletzungen, mit Erstarrungen und dunklen Flecken. Wie oft stehen wir uns selbst im Weg, versperren unsere Sicht, rühren Arme und Beine nicht? Tote Seelen, leere Augen, stumme Münder, zum Himmel stinkende Lebensbehinderungen . . . – Jesus, nimm den Stein vom Grab weg, ruf mit lauter Stimme und mache lebendig, was tot in uns ist! Dann können wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung feiern, mitten im Streit die Versöhnung, mitten in der Sprachlosigkeit die Zuwendung und im Tod neues Leben spüren.
Martin Kranzl-Greinecker ist Theologe und Journalist und lebt mit seiner Familie in OÖ.