Michael Sansur ist Psychologe in Bethlehem und arbeitet mit palästinensischen Kindern. Die Kirchenzeitung sprach mit dem Berater des Caritas-Baby-Hospitals über die Frage, wie Kinder die alltägliche Gewalt erleben und verarbeiten.
Herr Sansur, was geht in einem Kind vor, das miterlebt, wie Häuser in der Nachbarschaft – oder sogar das eigene Haus – von Raketen zerstört werden?
Sansur: Für viele Kinder ist die ganze Situation zunächst eher unwirklich. Sie verstehen nicht, was passiert. Wenn sie sehen, dass ihr Haus brennt oder Wände einstürzen, ist es für sie so, als ob sie einen Film sehen würden. Ein Schutzmechanismus, denn sie werden überfordert mit einer Vielzahl neuer, schrecklicher Eindrücke und Erfahrungen.
Welche Erfahrungen sind das?
Sansur: Sie erleben Zerstörung. Wenn sie am Morgen nach dem Beschuss ihr Haus aufsuchen, ist ihr Zimmer verwüstet und ihr Spielzeug kaputt. Sie erleben, dass ihre Eltern überfordert sind. Mütter verlieren häufig den Kopf. Wenn sie Schüsse hören, schreien und weinen sie vor Angst und Verzweiflung. Die Väter sind wütend, weil sie nichts zum Schutz ihrer Familien tun können. In unserer Gesellschaft ist es für einen Mann wichtig, stark zu sein. Jetzt erlebt der Sohn seinen Vater schwach und hilflos. Wenn die Kinder beginnen, all das zu realisieren, bricht für sie eine Welt zusammen.
Wie reagieren die Kinder darauf?
Sansur: Viele können nachts nicht schlafen. Sie haben Albträume. Kinder im Alter von fünf oder sechs Jahren nässen ein. Ein deutliches Zeichen, dass sie dem Stress um sich herum nicht gewachsen sind. Die Kinder sind traumatisiert. Zwei Beispiele: Der fünfjährige Ramzi rennt jedes Mal, wenn er Schüsse hört, ins Freie. Er hat miterlebt, wie sein Haus von Raketen zerstört wurde. Samia, auch fünf Jahre alt, weicht keinen Millimeter mehr von der Seite ihrer Mutter. Früher war sie ein selbständiges und selbstbewusstes Mädchen. Wir erleben Fälle von kurzzeitigem medizinisch unerwartetem Fieber und von Krampfanfällen. Alleine in Bethlehem hatten wir nach Ausbruch der Gewalt in nur zwei Monaten bereits 38 traumatisierte Kinder zu verzeichnen.Wie sieht der Alltag der Kinder von Bethlehem aus?Sansur: Trostlos und grau. In den letzten Monaten haben die Kinder nichts gefunden, was ihnen Halt gibt. Die positive Routine des Alltags fehlt. Viele Familien leben bei Verwandten in zu kleinen Zimmern ohne Privatsphäre. Man verbringt zwar viel Zeit im Kreise der Familie, aber die Eltern wissen, dass dies keine glückliche Zeit für ihre Kinder ist. Eine Mutter sagte mir einmal, sie sei wütend auf die Israelis, die ihr Haus zerstört hätten, wütend auf die gewaltbereiten Palästinenser, welche die Israelis provozierten, wütend auf ihre Kinder, die ihr nicht mehr gehorchten, wütend auf ihren Mann, der auf ihre Gefühle keine Rücksicht mehr nehme, und wütend auf sich selbst, weil sie so fühle.
Wie wird es für diese Familien weitergehen?
Sansur: Wir versuchen ihnen möglichst zu helfen, mit ihren Erlebnissen fertig zu werden. Aber vor uns liegt ein langer Weg.
Interview: Burkhard Röttger
Hintergrund
Schulen und Uni als Ziele
In der vergangenen Woche wurden bei Luftangriffen und der Besetzung palästinensischer Städte durch die israelische Armee mehrere christliche Bildungseinrichtungen zerstört.- In der Nacht auf 12. März wurde der Kindergarten und die Schule des lateinischen Patriarchats in Gaza zerstört. Beide werden seit Jahrzehnten vom österreichischen „Ritterorden vom heiligen Grab in Jerusalem“ unterstützt. Drei ferngelenkte Raketen verwüsteten den Kindergarten. Das anschließende Feuer zerstörte zwei Stockwerke der Schule, in der über 1000 Kinder unterrichtet werden.- Bereits zuvor war die Katholische Universität in Bethlehem an drei Tagen von insgesamt fünf Raketen getroffen worden. Die Angriffe verursachten erheblichen Schaden. Die renommierte Universität musste bis auf weiteres geschlossen werden.- Ebenfalls in Bethlehem sind am 11. März mehrere Panzer auf das Gelände der „Dar al-Kalima Modellschule“ eingedrungen. Die erst jüngst von der lutherischen Kirche errichtete Schule für 240 Kinder wurde von den Soldaten verwüstet.- Am 14. März beschädigte in Bethlehem eine Panzergranate die Kirche zur Heiligen Familie. Das angeschlossene Waisenhaus und die Geburtenstation waren bereits zuvor evakuiert worden.
Reine Willkür Kommentar
Lange Zeit versuchte Israels Regierung ihr Vorgehen in palästinensischen Städten als Terrorbekämpfung zu rechtfertigen. Wie Scharon jedoch vergangene Woche vorgehen ließ, kann nur mehr als Krieg gegen die Zivilbevölkerung bezeichnet werden. Hunderte Palästinenser wurden entkleidet, gefesselt und mit verbundenen Augen aus ihren Häusern abgeführt. Gleichzeitig mussten Frauen und Kinder stundenlange Razzien über sich ergehen lassen. Dass diese Hausbesetzungen vielfach in Vandalenakte ausarten, hat das Beispiel der Dar al-Kalima Schule gezeigt. Mit modernsten Waffen hochgerüstet, feuert die Armee auch auf unverdächtige Einrichtungen wie die renommierte Uni in Bethlehem. Und gibt es gar Opfer, dann blockieren Panzer die Zufahrten zu den Spitälern.