Mutter eines mehrfach behinderten Buben an die KIZ-Leser/innen
Ausgabe: 2002/12, Mutter, Behinderte, Rollstuhl,
19.03.2002
Eine fünffache Mutter, ein Sohn ist mehrfach behindert, hat an die Kirchenzeitung einen berührenden Brief geschrieben.
Mein Sohn ist inzwischen schon fast ein Jahrzehnt alt und ich habe einige Erfahrungen hinter mir. Aber wahrscheinlich werde ich noch viel erleben, das ich sonst nie erlebt hätte. Durch die intensive Betreuung besteht ein Verhältnis, wie es sonst nicht so da wäre, und es ist schön, aber auch oft sehr anstrengend. Mein Sohn war sehr viel im Krankenhaus und ich war immer mit dabei. Zur Zeit ist er gesünder, und ich genieße diese Zeit, in erster Linie als Mutter und nicht als Therapeutin. Es gibt ja sehr viel Therapie-Angebote, aber es soll für alle Familienmitglieder passen. Ich habe ja nicht nur ein Kind. Er wird gut in der Schule integriert dank des Einsatzes der Lehrkräfte. Außerdem kann man selber auch einiges machen. Ja, die Menschen sind wirklich sehr mit sich beschäftigt, interessieren sich wenig für behinderte Kinder oder alte pflegebedürftige Menschen. Dringt es nach außen, dass es auch Pflegegeld gibt für behinderte Kinder usw., da wird sofort getuschelt und man wird sogar beneidet um das Pflegegeld.
Hört hin, schaut hin!
Es kann sich ruhig mal wer melden und für 24 Stunden die Betreuung übernehmen, fast nie eine Nacht durchschlafen können und dafür vielleicht 10 Euro bekommen. Manche/r würde allerdings dann auch ein positiveres Bild von Behinderten bekommen. Es fällt mir immer wieder auf, dass eigentlich fast immer nur von alten pflegebedürftigen Menschen gesprochen wird. Dabei gibt es sehr viele behinderte Kinder, die auch gepflegt werden müssen, viele, die jahrelang zu Hause betreut werden, oftmals bis zum Tod der Mutter. Das ist auch nicht einfach zu meistern. Gerade diese Kinder brauchen die Familie.
Ich möchte meinen Sohn nicht missen. Er hat mich in ein Land geführt, das ich sonst nicht kennen gelernt hätte. Ich glaube auch, es ist sehr wichtig für alle Seiten diese Kinder zu integrieren, damit zumindest die zukünftige Generation mehr weiß über Behinderung. Wenn einer glaubt: „So ein Kind hat doch nichts vom Leben?“, der irrt gewaltig. Diese Kinder sind oft glücklicher als andere. Mein Sohn sicher, trotz der vielen Krankenhausaufenthalte. Außerdem: Haben solche Kinder nicht das gleiche Recht auf Leben? Auch wir könnten von heute auf morgen behindert sein. Darauf wird immer vergessen!