Jerusalem, eine Stadt in Aufregung. So beginnt nicht eine aktuelle Reportage über die Situation in Israel, so endet vielmehr das Evangelium vom Palmsonntag. Heute sind es Akte des Unfriedens und der Gewalt, die die Menschen dort auf die Straßen treiben. Damals war es der Prediger Jesus, der ausgerechnet auf einem Esel in die Stadt einzog. Die Szene ist nicht besonders spektakulär und wird doch zum Spektakel. Intuitiv, also aus dem Inneren heraus, spüren viele Menschen, dass dieser friedliche Mensch auf dem Esel etwas ganz Besonderes ist. Seine Ausstrahlung fasziniert. Von ihm erwarten die Leute etwas, sonst würden sie nicht ihre Kleider und Zweige als Teppich auf die staubige Straße legen. Würden ihn nicht mit fanatischen „Hosanna“-Rufen begrüßen. Wörtlich übersetzt heißt Hosanna „Hilf doch!“. Dem da trauen sie zu, ihre Not zu wenden. – Hätten die Behörden geahnt, welchen Wirbel die nicht angemeldete Demonstration auslösen würde, wäre sicher ein Versammlungsverbot erlassen worden.
Wer oder was würde heute unsere Städte und Dörfer in Aufregung versetzen? Wovon erwartet man sich etwas? Was erweckt Aufmerksamkeit? Der Start eines Oscar-gekrönten Kinofilms, das Konzert einer Kult-Musikgruppe oder der Besuch eines Abfahrtssiegers vielleicht. Möglicherweise ein besonders übles Verbrechen, ziemlich sicher die Billigpreis-Aktion eines Supermarktes, wahrscheinlich auch der Auftritt eines Politikers, der es „denen da oben“ einmal so richtig gibt. Den meisten allerdings ist die Friedhofsruhe am liebsten und sie lassen sich durch nichts stören. Im Zeitalter der totalen Informationsüberflutung sind sie total interessenslos geworden.
Jesus auf seinem Esel (der heute vielleicht ein Fahrrad wäre), würde er jemanden interessieren? Dieser Sohn armer Leute, mit eigenem Fanclub, aber ohne festen Wohnsitz, seit längerem in Konflikt mit der Obrigkeit und erst seine Vorstellungen vom Reich Gottes. So einem trauten sie damals zu, dass er hilft? Von dem lassen wir uns doch nicht stören.
Das Evangelium vom Palmsonntag läutet die Karwoche ein, die Heilige Woche, in der Christen das Zentrum ihres Glaubens feiern. Im Leben Jesu beginnt mit dem Einzug in Jerusalem das Drama. Vielleicht ahnt Jesus bereits, dass manche der jetzt Jubelnden in wenigen Tagen unter den „Ans Kreuz“-Hetzern sein könnten. – Jesu innere Ruhe und Gelassenheit, sein Vertrauen ins Leben kann meinen Wünschen nach Macht, Erfolg und Anerkennung, aber auch meinen Ängsten vor Versagen und Tod den richtigen Platz zuweisen. Gerade seine Unscheinbarkeit soll mich aufrütteln und mein Interesse wecken.