Pflegende Angehörige brauchen nicht nur Respekt, sondern Hilfe
Ausgabe: 2002/18, Pflegende Angehörige,
29.04.2002
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Trost ist oft nicht zuerst eine Sache der Worte, sondern der konkreten Hilfe. Hier geht es um ein Buch, das pflegenden Angehörigen hilft.
Wer einen Menschen pflegt, tut dies meistens allein. Die Familie, die Verwandten, die Nachbarn helfen meist nur sehr beschränkt mit. Pflegende Frauen halten in vielen Fällen den Mann und die Kinder aus der Pflege heraus. Sie möchten diese nicht belasten.
Viele – vor allem Frauen – „opfern“ sich in der Pflege auf. Dauert die Pflegesituation lange an, so gefährden sie auch ihre eigene Gesundheit. Für Vera Francz war die Welt pflegender Angehöriger eine fremde Welt, – bis sie vor etwa zwei Jahren an einer Tagung zum Thema Familienpflege teilnahm. Anfangs ungläubig staunend, dann mit wachsender Hochachtung, lauschte sie den Erzählungen der Pflegenden.
Die Lebenssituation pflegender Angehöriger besser sichtbar zu machen, machte sie sich zum Ziel. Sie hat ausführliche Gespräche mit Betroffenen geführt. Elf ausgewählte Geschichten sind entstanden, wie Menschen – vor allem Frauen – auf eigene Berufs- und Lebenspläne verzichtet haben. Da ist Mitzi, 59. Seit 12 Jahren pflegt sie ihre 92-jährige Mutter, seit sechs Jahren auch den Onkel. Sie beschreibt, was sie Tag für Tag erlebt. Um zu wissen, wie spät es ist, braucht sie keine Uhr. Das ungeduldige Trommeln des Onkels auf den Tisch sagt ihr: Zeit zum Frühstück. Der Mutter muss sie alles ganz klein schneiden. Die Kreuzschmerzen vom ständigen Heben sind wieder stärker geworden. Etwas Zeit im Garten – empfunden wie ein Luxus-Geschenk. Die Sonne scheint immer noch.
Vera Francz eröffnet pflegenden Angehörigen mit ihrem Buch einen Blick über die eigenen Situation hinaus. Auch andere erleben ähnliches. Und es gibt Hilfen. Wo gibt es Hilfe? Was können Selbsthilfegruppen an Unterstützung bieten? Wie schaffen es andere, mit dem ständigen Zeitmangel zurecht zu kommen?
Besonders heikle Phasen kommen, wenn eine Übersiedlung in ein Heim überlegt werden muss. Das kann – für alle Betroffenen, der bessere Weg sein, aber es tut in der Seele weh. Die Trennung schmerzt. Doch auch im Pflegeheim ist intensive familiäre Begleitung möglich. Vera Francz hat ein erhellendes, offenes Buch geschrieben. Für Pflegende selbst mag es neue Wege öffnen. Doch auch wer nicht unmittelbar betroffen ist, merkt: Das ist auch mein Leben.
Zur Sache
Das Buch
Die Pflege von Angehörigen fordert Menschen bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Ihr Beitrag für das soziale Zusammenleben findet jedoch in der Gesellschaft wenig Beachtung. Die Soziologin Mag. Vera Francz zeigt in elf berührenden Lebensgeschichten, wie es Betroffene geht, was sie berührt und stärkt.
Das Buch regt an zum Gespräch über das Thema, noch bevor Pflegesituationen entstehen. Dazu bringt es praktische Informationen, wie die Adressen von Selbsthilfegruppen, Dachverbänden und Kontaktstellen.
Vera Francz, Es ist auch mein Leben. Der Alltag pflegender Angehöriger, Edition Kirchenzeitung, ca. 152 Seiten, E 12,– Erhältlich bei: Kirchenzeitung, Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz, Tel. 0732/7610-3944, Fax: DW 3939, Mail: service@kirchenzeitung.at