SOS-Kinderdorf sucht neue Mütter. Ein Job für Idealistinnen? Schon eher eine herausfordernde Aufgabe für Frauen, die mit beiden Beinen fest am Boden stehen.
„Kinderdorfmutter zu sein, das ist für mich mehr als ein Beruf, das ist für mich so etwas wie eine Berufung“, meint Sabine Prechtl. Kaum hat sie den Satz gesagt, kommt ihr das Wort etwas hochtrabend vor, sie will kein idealisiertes Bild malen und versucht zu erklären: „Unsere Arbeit ist doch etwas ganz anderes als ein ,normaler Job‘, wo ich nach Dienstschluss nach Hause gehe. Wir verbringen einen Großteil unseres Lebens im Dorf und leben mit unseren Kindern im Haus Tag und Nacht zusammen. Da wächst im Laufe der Zeit eine sehr starke Beziehung, besonders wenn man Kinder übernimmt, die noch sehr klein sind, so wie das bei mir der Fall war.“ Und als sie später im Verlauf des Gespräches meint, „obwohl ich inzwischen verheiratet bin und zwei eigene Kinder habe, freue ich mich am Ende des Urlaubs immer sehr darauf, meine anderen Kinder wieder zu sehen“, da geht ein breites Lachen über das Gesicht von Michaela.
Ein offenes Wort
Die 14-jährige Michi ist jetzt die Älteste unter den fünf SOS-Kindern im Hause Prechtl. Mit Interesse verfolgt sie, was Mama sagt, bekundet Zustimmung und muss manchmal verschmitzt lachen, wenn es um Schule oder Hausordnung geht. Auch als das Gespräch auf die heikle Frage der Rückführung von Kindern in ihre Herkunftsfamilien und auf das manchmal sehr schwierige Terrain der Elternkontakte kommt, bleibt Michaela am Tisch sitzen. Dass dieses Problem, von dem sie selber betroffen ist, angesprochen wird, stört sie nicht. „Offenheit und Gesprächsfähigkeit sind wichtige Voraussetzungen, um mit den Kindern belastende Verhältnisse aufzuarbeiten und in schwierigen Situationen halbwegs vertretbare Lösungen zu finden“, meint Sabine Prechtl.An die 95 Prozent der heute von SOS betreuten Kinder kommen aus schwierigen sozialen und/oder familiären Verhältnissen. „Da gibt es Kinder, die vor dem Schulbeginn schon auf fünf, sechs verschiedenen Plätzen waren, bevor sie zu uns kommen. Oft sagen uns die Jugendämter nicht einmal alles, was sie wissen. Das kostet schon sehr viel Kraft, diesen Kindern einen neuen Anfang zu ermöglichen“, weiß Prechtl aus vielen Gesprächen mit anderen Müttern. SOS-Kinderdorf hat auf diese veränderte Lage reagiert. Die Familiengruppen sind kleiner geworden (Durchschnitt fünf Kinder), das Angebot an psychologischen und therapeutischen Einrichtungen und Begleitmaßnahmen für Kinder und Jugendliche wurde kontinuierlich ausgebaut. Die Ausbildung der Mütter wurde wesentlich ausgeweitet.
Ein halbes Leben
In dem insgesamt schwieriger gewordenen sozialen Umfeld sei die Frage der Rückführung von Kindern zu ihren Herkunftsfamilien ein besonders kritischer Punkt, meint Sabine Prechtl. „Kinder, die für ihre Entwicklung Ruhe bräuchten, werden in Loyalitätskonflikten hin- und hergerissen und nicht selten hat man das Gefühl, dass andere Interessen als das Kindeswohl das Geschehen bestimmen. Da fragt man sich dann schon manchmal, was die eigene Arbeit, die Zuwendung und die Förderung der Kinder gesellschaftlich wert ist.“ Ihr halbes Leben hat die 38-jährige Sabine Prechtl im Kinderdorf verbracht. „Ich weiß nicht warum, aber es war schon als Ju gendliche für mich ein Ziel, Kinderdorfmutter zu werden. Was das wirklich ist, habe ich nicht gewusst. Aber ich habe es nie bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Auch nicht, als mein damaliger Freund und ich mit der Kinderdorfleitung sehr hart darum ringen mussten, dass ich auch nach einer Heirat ,meine‘ Kinder in ,meinem‘ Haus weiterbetreuen kann.“ Weil auch ihr Mann Heinz eine große Offenheit für eine ungewöhnliche „Familiensituation“ mitbrachte und von den Kindern rasch als Freund adoptiert wurde, ist Sabine Prechtl seit fünf Jahren die erste verheiratete SOS-Kinderdorfmutter. Heinz fährt weiter als Lokführer durch die Lande und freut sich nach den langen Stunden des Alleinseins auf seine „Großfamilie“. Seit 13 jahren ist Sabine Prechtl nun Kinderdorfmutter. Was man dazu braucht? „Körperliche und psychische Belastbarkeit. Freude am Haushalt und an der Arbeit mit Kindern. Aufmerksamkeit und Zuneigung, um die Entwicklung der Kinder entsprechend zu fördern. Die Bereitschaft, sich pädagogisch und psychologisch weiterzubilden. Und die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, zu leben und in Belastungen auch zu ertragen.“
Zur Sache
SOS-Kinderdorf Österreich möchte 20 neue „Familien“ für rund 100 Kinder gründen. Dafür werden geeignete Frauen (single oder verheiratet) gesucht, die bereit sind, Kinder ein Stück ihres Weges zu begleiten. Vor ihrem Einsatz bekommen die angehenden Kinderdorfmütter eine zweijährige Ausbildung im SOS-eigenen „Colleg für FamilienPädagogik“ in Wels.In Österreich finden rund 800 Kinder und Jugendliche in 9 SOS-Kinderdörfern und 10 Jugendwohngemeinschaften ein Zuhause. Dazu kommen noch 7 Kindergärten und 7 therapeutische Einrichtungen für besonders belastete Kinder. Weltweit gibt es 400 SOS-Kinderdörfer und 1000 Sondereinrichtungen. - Information: SOS-Kinderdorf, 4813 Altmünster, Tel. 07612/88 6 55; altmuenster@sos-kinderdorf.at