Noch ganz im Bann der Ereignisse am Ölberg kehren die Jünger und Jüngerinnen zurück nach Jerusalem. Gerade noch standen sie in intensiver Verbindung mit ihrem auferstandenen Meister. Nun ist Jesus von ihnen gegangen und sie gehen wohl mit schwerem Herzen vom Ölberg hinunter in die Stadt, wo sie in einem Obergemach eine Bleibe für die nächste Zeit finden werden. Schon bald müssen sie sich entscheiden, ob sie im Ausnahmezustand der Begegnung mit dem Auferstandenen und seiner Himmelfahrt verharren, oder ob sie sich wieder den Herausforderungen der Realität stellen. Wie schwer kann es sein, mich in den Niederungen des gewöhnlichen Lebens zurechtzufinden, wenn ich gerade das ganz Besondere erlebt habe! Wie gut tut es da, vom einen Ort zum anderen eine Wegstrecke zu haben. „Die Seele geht zu Fuß“ heißt es in einer Indianerweisheit. Gehend können wir Abschied und Ankommen nachvollziehen und das Erlebte zu einem Teil von uns werden lassen. Besonders tief greifende Ereignisse des Lebens brauchen Zeit, um in uns Platz zu nehmen und uns reifer zu machen. So zog sich das Grüppchen der ersten Christinnen und Christen vorerst zurück und „verharrte einmütig im Gebet“. Aus dem Lukasevangelium wissen wir, dass es wohlhabende Frauen waren, die ihre finanziellen Mittel zur Verfügung stellten. Johanna, die Frau des Chuzas, Maria von Magdala, Susanna . . . sie alle unterstützten Jesus und die urchristliche Gemeinde und gehörten zu den wichtigen Persönlichkeiten der Urkirche. Auch die Familie Jesu, von Maria und von seinen Brüdern ist die Rede, gehört ganz selbstverständlich zur Gruppe der ersten Christen. Aus dieser Randbemerkung erfahren wir, dass die Verfasser der Apostelgeschichte noch keine Schwierigkeiten damit hatten, Jesus als Sohn einer gewöhnlichen Frau zu sehen, die weitere Kinder geboren hatte. Wenig Spektakuläres scheint in der Zurückgezogenheit des Jerusalemer Obergemaches passiert zu sein. Betont wird das Zusammensein in der Gemeinschaft und das Verharren im Gebet. Gerade heute, wo viele, enttäuscht von den Kirchen, den Rückzug in die Privatreligion antreten, könnte diese Neuorientierung der ersten Christen und Christinnen ein Impuls sein. Die momentane Verunsicherung der Kirche kann, so gesehen, zur Chance werden: wir orientieren uns neu, indem wir uns mitteilen, wir erzählen von unseren Erfahrungen und dem, was wir glauben, wir teilen unsere Ängste und unsere Hoffnungen. Wir erkennen, dass wir Totes loslassen müssen, damit Neues entstehen kann. Und wir werden erleben: Gemeinde kann auch heute entstehen und kraftvoll die Kirche beleben.