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Nur nicht abkapseln

Österreich – Tschechien vor der Frage nach gemeinsamer Zukunft
Ausgabe: 2002/19, Tschechien, Renöckl,
10.05.2002
- Matthäus Fellinger
Die einmalige Chance einer Kultur- und Friedensregion mit Südböhmen darf man nicht verspielen. Ein „Zukunfts-Kongress“ fand in Budweis statt.

„Jetzt besteht die Chance, dass aus Mitteleuropa eine wirkliche Kultur- und Friedensregion wird“, ist Prof. Dr. Helmut Renöckl überzeugt. Der in Linz und Budweis lehrende Theologe und Ethiker war einer der Hauptorganisatoren des Kongresses „Zukunftsregion Südböhmen – Mitteleuropa“ Ende April in Budweis.

Eine äußerst positive, nach vorne gerichtete Stimmung kennzeichnete den Kongress. Über 200 Leute aus Wissenschaft, Politik und Kirche leuchteten die Perspektiven der Region Südböhmen mit ihren österreichischen und niederbayerischen Nachbarn aus.
„Nicht einmauern, sondern miteinander Zukunft gestalten!“ So beschreibt Dr. Renöckl, was jetzt verlangt – und möglich ist. Auf beiden Seiten gebe es hochmotivierte Leute. Man dürfe das Feld nicht Leuten überlassen, die verständliche Ängste egoistisch missbrauchen, um Stimmen für Wahlen zu gewinnen. Zu sehr stand die österreichisch-tschechische Beziehung zuletzt im Schatten der Themen Temelin und Benes-Dekrete.

Zusammenarbeit über die Grenz hinweg kann für alle Beteiligten nur von Vorteil sein, ist Dr. Renöckl überzeugt. Dabei geht es nicht nur um einen gemeinsamen Wirtschaftsraum. Beim Kongress in Budweis ging es ebenso um kulturelle Öffnung sowie um die religiös-spirituelle Verständigung.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erlebt die tschechische Kirche, wie die Situation schwieriger wird. Die Zahl der Menschen, die am kirchlichen Leben teilnehmen, ist kleiner geworden. Mit den Möglichkeiten der Freiheit ist man bis jetzt noch nicht so richtig zurechtgekommen. Freikirchen sind auf dem Vormarsch.

Auf großes Interesse stießen beim Kongress Diskussionsforen, in denen es um neue Technologien ging, ebenso die Frage der Zusammenarbeit im Tourismus.
„Eine wünschenswerte Entwicklung darf sich nicht auf die selbstverständlich notwendige wirtschaftliche Sanierung beschränken“, meint Renöckl. „Erst die gleichzeitige Beachtung der kulturellen, sozialen und religiös-ethischen Dimension macht die Region zur menschenwürdigen Heimat, in der das Leben lebenswert wird.“




Zur Sache:


Verständnis für Tschechien

Dr. Helmut Renöckl zeichnet ein Stimmungsbild – zwölf Jahre nach der Wende:
Die Stimmung in Tschechien ist derzeit nicht gut. Seit der „samtenen Revolution“ sind es schon zwölf Jahre, die erwartete schnelle Erlösung ist nicht eingetreten. Viele sind enttäuscht und erschöpft, vieles wurde nicht besser, manches sogar deutlich schlechter. Es ist nicht leicht für Menschen, nach der langen Abschirmung und der Steuerung aller Vorgänge von oben mit den pluralistischen, rasant sich ändernden Verhältnissen zurechtzukommen. Die neuen Strukturen funktionieren noch schlecht, in Wirtschaft, Politik und Administration mehren sich die Skandale. Die Integrationsverhandlungen mit der Europäischen Union ziehen sich. Die in den totalitären Jahrzehnten „eingefrorenen“ Probleme, wie die Vertreibung der deutsch- und ungarischsprachigen Bevölkerung, kommen wieder hoch. Man hat Ängste, die eben gewonnene Freiheit wieder ans Ausland zu verlieren.

In dieser Lage stellten wir mit unserem Kongress ein Zukunfts-Szenario vor Augen: Wie soll in zehn Jahren Südböhmen aussehen? Was ist jetzt zu tun, damit das gelingt? Sich für Europa zu enggieren, ist für viele in Tschechien zu fern. Aber die überschaubare eigene Heimat ist man bereit mitzugestalten.
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