Frankreich: Große Mehrheit engagiert für die Demokratie
P. Weydert SJ: „Wahlergebnis ist klares Zeichen gegen den Extremismus“
Ausgabe: 2002/19, Frankreich, Mehrheit, Demokratie, Weydert, Gesellschaft, Politik, Krise;
10.05.2002
- Walter Achleitner
„Le Pen ist gegen den Rechtsstaat. Für mich war das keine demokratische Wahl“, sagt P. Jean Weydert. Der Jesuit analysiert die französischen Präsidentschaftswahlen.
War die Wahl des Präsidenten für Sie persönlich schwierig?
Weydert: Ich habe ohne große Begeisterung gewählt. Jean-Marie Le Pen konnte ich nicht wählen. Also blieb nur Jacques Chirac. In letzter Zeit hörte ich öfters: Ja, mit Le Pen ist es schwierig. Aber wenn ihn die Leute wählen, dann ist das doch demokratisch. Diese Meinung kann ich nicht teilen. Demokratie ist nicht nur der Wahlgang, sondern das sind auch Werte, wie zum Beispiel der Rechtsstaat. Und es ist ganz klar: Le Pen ist gegen den Rechtsstaat. Deshalb ist das keine demokratische Wahl. Demokratie ist nicht nur ein Mechanismus, um eine Mehrheit zu erhalten – das auch –, aber es ist mehr als das. Demokratie ist eine Kultur, eine Ethik der Werte. Und diese finde ich nicht bei ihm. Im Gegenteil: ich sehe diese Werte gefährdet, wenn Le Pen gewählt wird.
Warum ist es im ersten Wahlgang überhaupt so weit gekommen?
Weydert: Es war zum großen Teil die Unzufriedenheit, vielleicht noch mehr die Ratlosigkeit und Verwirrung in der Bevölkerung. Denn wir haben in unserer Gesellschaft noch Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit und Unsicherheit. Menschen sorgen sich um ihre Zukunft, und es besteht eine Unzufriedenheit. Ja, vielleicht sind es noch mehr die Veränderungen, die in der Gesellschaft stattgefunden haben. Wir Franzosen sind sehr revolutionär in Worten, aber in der Tat sind wir ziemlich konservativ. Wir haben Veränderungen nicht gern und Schwierigkeiten, sie anzunehmen. So hat zum Beispiel die Globalisierung schlechte, aber auch gute Folgen. Doch die Leute sehen nur die negativen Seiten. Andererseits scheinen die Bezugspunkte, die früher einmal gegolten haben, heute wertlos zu sein. Die Leute haben den Eindruck der Leere. Wo ist das Wohl, wo ist das Übel? Es besteht eine Verwirrung, und für viele sind Gefühle wichtiger als Vernunft.
Das heißt, Fehler der bisherigen Politik haben Le Pen zum Wahlerfolg verholfen?
Weydert: Sicher. Denn warum wurden die Extremen gewählt? Nicht nur die Rechts-, auch die Linksextremen haben mehr als zehn Prozent erhalten. Die Leute waren unzufrieden. Es bestand nicht der Eindruck, als gäbe es eine Wahl zwischen Chirac und Jospin. Sie hatten in beide Parteien kein Vertrauen. Die große Schwierigkeit liegt meines Erachtens darin, dass die Politiker, die am Ruder waren, zu weit vom Volk entfernt sind. Es besteht ein Bruch zwischen dem Volk und jenen, die es regieren. Ich hoffe, die Politiker haben das nun wirklich verstanden und werden daraus Schlüsse ziehen. Aber auch die Bürger sind zum Teil dafür verantwortlich. In Frankreich war es über Jahrzehnte Tradition, alles vom Staat zu erwarten. In den Augen vieler hat der Staat eben nicht genug getan.
Waren es nur Protestwähler, oder gibt es nicht doch Zustimmung für rechtsextreme Ideen?
Weydert: Man muss zwar bei den Le-Pen-Wählern zwischen diesen beiden Gruppen unterscheiden. Aber dennoch ist es auf jeden Fall eine sehr gefährliche Mischung. Und, wie gesagt, es war viel mehr eine Frage des Gefühls als der Vernunft. Das ist eine miserable politische Reflexion.
Wie beurteilen Sie Le Pen?
Weydert: Er ist ethisch unannehmbar. Natürlich ist auch sein Programm äußerst miserabel: der Austritt aus der EU, das Aus für den Euro in Frankreich, die Ausweisung aller Migranten oder die Wiedereinführung der Todesstrafe – das ist einfach unmöglich. Für unser Land wäre es eine Katastrophe. Aber Le Pen ist sehr klug, und er spricht die Gefühle an. Er ist ein Volksverführer. Weder als Bürger und schon gar nicht als Christ kann ich das annehmen. Die Bischöfe, noch deutlicher aber die Laienverbände, haben klar dazu Stellung genommen: Le Pens Ideen sind mit dem Evangelium nicht zu vereinbaren.
Meinungen
- Tiefe Krise. Der Erfolg von Jean-Marie Le Pen am 21. April ist für Kardinal Jean-Marie Lustiger Ausdruck der „tiefen Krise“, in der sich die französische Gesellschaft befinde. Dieses Warnsignal müsse Politiker und Bürger zum Nachdenken veranlassen. Der Pariser Erzbischof über den rechtsextremen Kandidaten: Es könne nicht akzeptiert werden, dass religiöse Überzeugungen und Symbole in den Dienst eines polemischen Wahlkampfgetöses gestellt würden.
- Sand. Bischof Olivier de Berranger hat Le Pen Lüge und Verleumdung vorgeworfen. Der Bischof im Pariser Arbeiterviertel Saint-Denis reagierte damit gegenüber der Tageszeitung „La Croix“ auf Le Pens Vorwurf, er sei der „Sowjetbischof von Saint-Denis“ und unterstütze die Kommunistische Partei. Zugleich warnte er vor der Stimmabgabe für Le Pen: Seine Partei gehöre einer „totalitären und antichristlichen Tradition“ an. Sie streue den Menschen Sand in die Augen, wenn sie vorgebe, die Moralposition der Kirche zu vertreten.
Zur Person
P. Jean Weydert SJ ist Mit-arbeiter von CERAS, dem „Zentrum für soziale Studien und Aktionen“ der Jesuiten in Paris. Nach 1945 war er einer der Pioniere in der deutsch-französischen Aussöhnung. Heute arbeitet der 82-Jährige vor allem mit Immigranten.