124 Palästinenser konnten die Geburtskirche verlassen. Israelische Armee räumte Bethlehem. Lösung als Etappe auf dem Weg zum Frieden.
Tausende Menschen drängten am Sonntag zur Geburtskirche. Nach fünf Wochen und vier Tagen nahezu ununterbrochener Ausgangssperre nutzten sie die Gelegenheit. Die Freude über das „zweite Weihnachten“, wie Kardinal Roger Etchegaray den 10. Mai nannte, war allen ins Gesicht geschrieben. So langwierig die Verhandlungen zur Lösung des Konfliktes um die seit 2. April von Palästinensern besetzte und Israelis belagerte Geburtskirche gedauert hatten, so reibungslos ging am Freitag Vormittag dann das Drama zu Ende. Um 7.00 Uhr verließen die ersten 13 von insgesamt 124 Personen die heilige Stätte. Die von Israel als „Top-Terroristen“ eingestuften Männer stellten lange Zeit jenes Problem dar, das die Verhandlungslösung blockierte. Als jedoch Zypern die Bereitschaft erklärte, diese vorübergehend aufzunehmen, war die Affäre rasch gelöst – eine britische Militärmaschine flog sie nach Larnaka. Nach 8 Uhr kamen einzeln weitere 26 Palästinenser aus dem Gotteshaus. Laut Übereinkunft wurden sie in den Gaza-Streifen abgeschoben. Die übrigen 85 Zivilisten, die bis 10.30 die Kirche verlassen hatten, waren nach einer Überprüfung durch die israelische Armee freigelassen worden. Zuletzt verließen auch noch jene zehn internationalen Friedensaktivisten die Basilika, die anlässlich des orthodoxen Osterfestes am 5. Mai dorthin vorgedrungen waren. Sie wurden nach Israel gebracht, wo ihnen die Ausweisung und ein mehrjähriges Wiedereinreiseverbot drohen. Unmittelbar danach begannen Aufräumungs- und Reinigungsarbeiten. Gemeindemitglieder und Priester aus der Region halfen den franziskanischen, armenischen und orthodoxen Ordensleuten. Matratzen und Decken wurden herausgetragen sowie der Abfall, den die anfänglich 240 Personen in den 40 Tagen verursacht hatten. Weitestgehend respektiert wurde die Geburtsgrotte. Wie P. Johannes Simon, der Guardian der Franziskaner, berichtet, waren dort nur Kranke und Verletzte versorgt worden. Am Sonntag war zunächst die Basilika vom griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Irinaios I., neu geweiht worden. Denn durch die Feuergefechte, bei denen acht Palästinenser von israelischen Scharfschützen erschossen wurden, war nach kirchlichem Verständnis das Gotteshaus geschändet worden. Und der katholische Gottesdienst mit Kardinal Etchegaray, dem Sondergesandten des Papstes, in der angrenzenden Katharinenkirche wurde zum bewegenden Aufruf zur Versöhnung: „Wir müssen nun weiter sehen als Bethlehem, und das ganze Heilige Land mit einem Blick umarmen“, sagte der am Zustandekommen der gewaltfreien Lösung maßgeblich beteiligte Kardinal. Mit tosendem Beifall reagierten die Gläubigen, als er ihnen zurief: „Schalom! Salaam! Frieden!“
Weist in die Zukunft
„Wenn wir uns so anstrengen mussten, um das Problem der Geburtskirche zu lösen, wie viel anstrengender wird es dann erst, einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu erreichen“, sagte der Nuntius in Israel, Erzbischof Pietro Sambi. Für ihn weise die Übereinkunft zur Lösung des Konfliktes um die Basilika in die Zukunft. - Für den Generaloberen der Franziskaner, P. Giacomo Bini, ist das Ende des Dramas „nur eine Etappe auf dem Weg der Versöhnung“ im Nahen Osten. „Helft uns, die offenen Wunden des Konfliktes zwischen zwei Völkern zu heilen, die im selben Land zusammenleben können und zusammenleben müssen“, forderte Bini, dessen Orden seitens der Katholiken für die Geburtskirche verantwortlich ist. - „Von Herzen danke ich allen, die ihren Beitrag geleistet haben, dass die heilige Stätte wieder ihrer religiösen Bestimmung zurückgegeben wurde“, sagte der Papst am Sonntag. Ausdrücklich dankte Johannes Paul II. den Franziskanern sowie den orthodoxen und armenischen Ordensleuten, dass sie auch unter beträchtlichen Opfern dem Heiligtum treu geblieben seien. „Die universale Botschaft von Bethlehem ist: Liebe, Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden“, erklärte der Papst, darauf müsse nun die Zukunft aufgebaut werden.