Seit zehn Jahren gibt es den Verein „Gedenkdienst“. Eine seiner 18 Einsatzstellen im Ausland ist ein Altenheim in Tel Aviv. Lorenz Potocnik hat dort 14 Monate gearbeitet.
„Es ist schon ein eigenartiges Gefühl: Du bist 3000 Kilometer von zu Hause weg und kommst in ein Altenheim, wo die Umgangssprache der Bewohner Deutsch ist“, erinnert sich Lorenz Potocnik an seine ersten Eindrücke im „Anita Mueller Cohen Elternheim“. Das Altenheim in einem Vorort von Tel Aviv trägt nicht nur den Namen einer sozial engagierten österreichischen Jüdin, auch seine 100 Bewohner stammen fast ausschließlich aus Österreich und den altösterreichischen Ländern. Es sind jüdische Emigranten, die von den Nationalsozialisten vertrieben wurden oder noch rechtzeitig fliehen konnten, auch solche, die Jahre in Konzentrationslagern verbracht haben, und einige, die bereits in den 30er Jahren vor der wachsenden Bedrohung ausgewandert sind.
Nahe bei den Menschen
Das Altenheim ist im „Programm“ des Vereins „Gedenkdienst“ eine Besonderheit. Bei den anderen 17 Einsatzstellen arbeiten die Österreicher/-innen dabei mit, die Geschichte des Holocausts durch Archivstudien und Zeitzeugengespräche zu dokumentieren oder durch Informations- und Bildungsarbeit vor allem jungen Menschen die Folgen von Rassismus und Antisemitismus vor Augen zu führen. Im Altenheim in Tel Aviv begegnen die Gedenkdiener den Opfern der Judenverfolgung als Pfleger und Sozialarbeiter. Nachdem er sich im Vorbereitungsjahr intensiv mit dem Holocaust beschäftigt hatte, war für ihn klar, so Potocnik, „das Altenheim ist der Platz, wo ich arbeiten möchte.“ Gereizt haben ihn dabei, „in einem sehr konkreten Dienst den Betroffenen unmittelbar nahe zu kommen, aber auch die Chance, Israel näher kennen zu lernen“. Der Einsatz sei körperlich und psychisch ziemlich belastend, erzählt Lorenz Potocnik. Ihm habe dabei sicher geholfen, dass er bereits 28 Jahre alt war und seine Freundin zur selben Zeit in Tel Aviv in einem Architekturbüro arbeiten konnte. „Dadurch hatte ich die Möglichkeit, mir manch Schweres von der Seele zu reden.“ Zunächst begann der Arbeitstag mit der intensiven Pflege von zwei bis drei Patienten, die häufig kaum mehr ansprechbar sind. „Waschen, wickeln, ankleiden, beim Essen behilflich sein und – wenn es die Zeit erlaubt – auch ein wenig bei ihnen sitzen bleiben, ihnen die Hand streicheln. Als ,Freiwilliger‘ hatte ich dafür etwas mehr Spielraum als das angestellte Personal. Das half, nicht in der Routine abzustumpfen“, meint Potocnik. Anschließend betreute er einige noch halbwegs rüstige Heimbewohner: spazieren gehen, einkaufen, Besuche auf den Zimmern, Gespräche … „Zu ein paar Leuten entstanden in dieser Zeit tiefe Beziehungen, die mich auch fast zwei Jahre später noch stark beschäftigen. Wenn ich im Radio einen Bericht höre oder im Fernsehen einen Film sehe, die sich mit dem Schicksal von Juden in der Nazizeit befassen, steigen in mir die Bilder meiner Bekannten aus Tel Aviv – und manchmal auch die Tränen – hoch.“ Vor allem mit Lotte, so Potocnik, einer Tschechin, die mehrere Konzentrationslager überlebt hat, schloss er eine tiefe Freundschaft. „Sie wurde so etwas wie eine Oma für mich. Im Laufe der Monate hat sie mir sehr viel über ihr Leben erzählt, nicht nur über die Nazizeit. Ich habe immer wieder nachgefragt – und sie wollte reden, was sie bis dahin mit niemandem wirklich gemacht hatte. So manche Gespräche gingen uns beiden sehr unter die Haut, wir saßen dann da und weinten miteinander“, erinnert sich Potocnik.
Botschaft mitgegeben
Auch bei anderen Heimbewohnerinnen habe er die Erfahrung gemacht, dass sie mit ihm als jungen Gedenkdiener über Dinge aus ihrem Leben reden, mit denen sie nicht einmal mit ihren Kindern sprechen konnten oder wollten. Das habe zum Teil sicher mit dem auch bei uns beobachtbaren Phänomen zu tun, dass Menschen über diese Zeit eher mit der Enkelgeneration sprechen als mit ihren Kindern. „Dazu kommt“, so Potocnik, „dass die Altenheimbewohner bewusst uns Gedenkdienern ihre vom Leben geschriebene Botschaft mitgeben wollten. Sie wussten, dass für diese Arbeit neben einer guten Portion Idealismus auch eine wache Verantwortung gegenüber der österreichichen Geschichte notwendig ist.“
Stichwort
Gedenkdienst. Seit zehn Jahren haben junge Österreicher/-innen die Möglichkeit, an Holocaustgedenkstätten und -museen im Ausland sowie in einem Altenheim in Tel Aviv als Freiwillige oder in Form eines 14-monatigen Zivilersatzdienstes zu arbeiten. Derzeit gibt es drei Trägerorganisationen für derartige Einsätze. Begonnen damit hat 1992 der Verein „Gedenkdienst“. Letzte Woche zog er mit der Tagung „Jenseits des Schlussstrichs“ eine Zwischenbilanz. Über ihn haben bisher 150 Österreicher/-innen an 18 Einsatzorten ihren Dienst geleistet und damit auch bewusst auf die Mitverantwortung von Österreichern am Holocaust hingewiesen. Der Verein leistet auch mit seiner Zeitung, durch Seminare, Tagungen und Studienfahrten engagierte Aufklärungsarbeit. - Info: Gedenkdienst, Rabensteig 3/18, 1010 Wien; www.gedenkdienst.at