Lebenszeiten – Kirchenjahr: Pfingsten, das liebliche Fest
Die unterschätzten Qualitäten von Gottes Geist
Ausgabe: 2002/20, Pfingsten
14.05.2002
- Matthäus Fellinger
Nicht wegen seiner Flüchtigkeit, sondern wegen seiner Beständigkeit schenkt Gottes Geist dem Menschen Halt.
„Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen“, lässt Johann Wolfgang von Goethe seine zwölf Gesänge zum „Reinecke Fuchs“ beginnen. „Es grünten und blühten Feld und Wald; auf Hügeln und Höhen in Büschen und Hecken übten ein fröhliches Lied die neu ermunterten Vögel.“ Was sich in der Folge unter dem „festlich heiter glänzenden Himmel“ auf „farbiger Erde“ abspielt, ist nicht umsonst gerade zu Pfingsten angesiedelt. In eine Tierfabel verpackt zeigte er Not und Ungerechtigkeit auf, unter denen arme Leute leiden mussten. In der Tat: Pfingsten ist nicht ein abgehobenes, lebensfremdes Fest eines kaum fassbaren Geistes. Es hat mit dem wirklichen Leben zu tun.
Von den Festen des Kirchenjahres scheint Pfingsten eines der am wenigsten handfesten Feste zu sein. Was ist schon Geist? Was soll man diesem Ereignis, da die Jünger Jesu ihre Angst überwunden haben, und wo die Menschen auf einmal in ihren verschiedenen Sprachen redeten und sich trotzdem verstanden, schon halten? 50 Tage nach Ostern feiern die Christen sozusagen die Vollendung der Auferstehung. Gott ist auf neue Weise da – als „Beistand“ ist er unter den Menschen. Wo Menschen im Namen Gottes beisammen sind, dort ist er mitten unter ihnen.
Aber was soll man von diesem Geist schon halten? Er lässt sich nicht festhalten – nicht in Sätzen und nicht in Dogmen. Aber gerade seine Unfassbarkeit ist es, was ihn zum Anker des Glaubens werden lässt.
Genau betrachtet: Flüchtig sind jene Dinge, die Menschen sonst so gern um sich halten, an die sie ihre „Wertanlagen“ knüpfen. Flüchtig sind das Eisen, das rostet, der verwitternde Stein, die Aktien, deren Kurse fallen, die Energie, die knapp wird, die Versicherungspolizzen, das Geld, das entwertet wird – und das einem doch nicht das Leben rettet.
Der Geist ist beständig. Über Generationen hinweg. Nur vordergründig scheint er flüchtig, beliebig, nicht greifbar zu sein. Er ist eine Lebensgröße. Und vor allem Gottes Geist. Da erhalten Menschen Kraft. Eine Revolution zum Guten hin – wie in Goethes Fabel Reinecke Fuchs – wird möglich.