Nichts von der Faszination und Dynamik ging verloren: dem Grüppchen der ersten Christinnen und Christen widerfährt das Pfingstereignis. Der Funken springt über und der Heilige Geist, im hebräischen die „Ruach“, die weibliche Kraft Gottes, bringt Bewegung in die noch ängstlich und in Trauer um ihren Meister verharrende junge Gemeinde. Sogar diejenigen, die nichts mit der „neuen Sekte“ der Anhänger dieses Jesus von Nazareth zu tun haben wollen, sind verblüfft: Jüdinnen und Juden aus allen Völkern fühlen sich angesprochen, sie verstehen was die Christinnen und Christen ihnen von Gott verkünden, es trifft sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Szenenwechsel ins heutige Jerusalem. Angst und Fanatismus, Zerstörung und ständiger Ausnahmezustand prägen die Stadt. Beharrliches Festhalten an der jeweils eigenen Wahrheit – da findet die Ruach Gottes keinen guten Boden, um wirksam zu werden. Wenn Fronten so verhärtet sind, hilft nur der Blick auf die leisen Zeichen des Geistes Gottes, der spürbar wird in streikenden Soldaten und weisen Rabbinern, die Ölbäume für Palästinenser bauen, derenLand geraubt wurde. Wie berührend sind Bilder von Friedenscamps, in denen Israelis und Palästinenser am Höhepunkt des gegenseitigen Nichtverstehens die Begegnung suchen. Außergewöhnlich und aufrührerisch ist das, wie das Pfingstereignis im Jerusalem des ersten Jahrhunderts.
Ein Pfingststurm täte auch unserer Kirche gut. Nur noch wenige fühlen sich in ihrem „Sprachhaus“ beheimatet. Von Gott sprechen, heißt eine Fremdsprache sprechen, deren Erlernen sich für viele anscheinend nicht mehr lohnt. Im Weg stehen zahlreiche verbrauchte Wörter, die aus sich keine Kraft mehr haben, sondern immer wieder erklärt werden müssen. Wie dringend notwendig wäre da ein pfingstlicher Sturm, der abfährt mit den vielen Sprachhülsen, die nicht mehr greifen! Wie sehr sehne ich mich manchmal danach, die richtigen Worte zu finden, die passenden Gesten zu setzen, um Erstarrtes wieder in Bewegung zu bringen und für religiöse Erfahrungen des Lebens einen passenden Ausdruck zu finden.
Eine feurige Kraft erfüllte die Jüngerinnen und Jünger und plötzlich konnten sie so reden, dass alle sie hörten und verstanden. Vielleicht müssen wir noch Geduld haben im Warten auf die Ruach Gottes. Die Zeit des Wartens jedoch kann sehr aktiv sein: wir können lernen einander zuzuhören, einen achtsamen Umgang mit Worten einüben und uns zusammenfinden zu Gemeinschaften. Und uns freuen, dass da und dort schon ein Feuerzünglein unser Herz erwärmt.
Annamaria Ferchl-Blum, Religionslehrerin und Trainerin in der Frauenbildungsarbeit, lebt mit ihrer Familie in Lochau/Vorarlberg.