Mit einem Literaturpreis für Frauen rücken Autorinnen ins Blickfeld
Ausgabe: 2002/21, Frauen, Falle, Künstler;
22.05.2002
- Elisabeth Leitner
Eine Beobachtung: Das neue Konzertprogramm trifft ein. Bekanntes und Neues wird geboten. Was sich wie ein roter Faden im Kulturbereich durchzieht: Die erste Frau, die im Programmheft als Künstlerin aufscheint, kommt erst nach der Heftmitte.
Bis dahin: nur Direktoren, Komponisten, Dirigenten, Pianisten, keine einzige Frau. Ähnliches gilt auch für den Bereich Bildende Kunst oder Literatur. Frauen sind in fast allen Sparten nur unterdurchschnittlich präsent. Spezielle Förderungen und Preise für Frauen – wie der Linzer Frauen-Literaturpreis – sollen das ändern. Denn die Statistiken der letzten Jahren zeigen, dass der Frauenanteil bei Förderungen, Zuschüssen, Ankäufen von Kunstobjekten, Stipendien und Buchneuerscheinungen in Oberösterreich maximal bei 30 Prozent liegt, meistens darunter. Frauen haben im Kunst- und Kulturbereich noch lange nicht dieselbe Ausgangsposition wie Männer. Die Wurzeln dafür liegen in der Geschichte. Ein historisches Beispiel dafür ist die Linzer Autorin Marianne von Willemer. Marianne wird 1784 als uneheliche Tocher einer Oberösterreicherin geboren. Mit 14 Jahren geht sie mit ihrer Mutter nach Frankfurt. Durch Ehemann Johann Jakob lernt sie Goethe kennen. In den Jahren um 1815 verbindet die beiden eine innige Freundschaft. Im Jahr 1819 erscheint Goethes „Westöstlicher Diwan“. Neun Jahre nach Mariannes Tod (1860) erfährt die Nachwelt, dass mehrere Gedichte aus Goethes Werk Mariannes Handschrift tragen. Die Autorin blieb namenlos, ihre Arbeiten fanden kaum Beachtung. Kein Einzelschicksal, wie ein Blick in die Geschichte zeigt.Wie also Frauen fördern? Im Jahr 2001 hat z. B. das Linzer Frauenbüro – in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt, AEC und ORF – erstmals den Frauen-Literaturwettbewerb „Marianne-von Willemer-Preis“ für tradtionelle literarische Arbeiten sowie computerunterstützte Literatur ausgeschrieben. Die Stadt Linz sieht darin einen wichtigen Schritt, um der Benachteiligung von Frauen bei der Vergabe von Literaturpreisen entgegenzuwirken.
Frauenpreis als Falle?
Brauchen Frauen denn einen eigenen Preis? Ist das nicht wiederum eine Falle? – Fragen wie diese ist die heurige Preisträgerin Elfriede Kern von ihren „männlichen Kollegen gewohnt“, wie sie sagt. Elfriede Kern freut sich über den Frauen-Literaturpreis: „Ich nehme gerne einen Preis, der ‚nur‘ für Frauen ist. Das ist eine öffentliche Anerkennung, ein Motivationsschub.“ Kern ist 1950 in Bruck an der Mur geboren und lebt seit 1983 in Linz. Für ihre literarische Tätigkeit hat sie im Jahr 2001/2002 ein Staatsstipendium erhalten, 1999 wurde sie mit dem „Buch.Preis“ (AK und LIVA) ausgezeichnet. Aus 179 Einreichungen für beide Kategorien hat die Jury ihren Romanauszug „Malen mit Zahlen“ ausgewählt. In der zweiten Kategorie „Computerunterstützte Literatur“ überzeugte die Berlinerin Pat Binder mit „Stimmen aus Ravensbrück“, einem virtuellen Gedenkort im Internet. Binder hat eine Homepage gestaltet, in der sie Gedichte, Fotos, Bilder aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück zusammengetragen hat. Diese Gedichte und Zeichnungen sollen einen Eindruck davon vermitteln, unter welchen Bedingungen sie entstanden sind (im Internet: www.pat-binder.de/ravensbrueck/de/home.html). Der Willemer-Preis ist mit jeweils 3.600 Euro dotiert. Hinweis: Frauen – Kultur/Frauen. Bausteine und Beispiele zur weiblichen Teilnahme im Kulturbereich, hsg. von Kulturplattform OÖ, Tel. 0732/79 42 88.